Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses, Vandenhoek & Ruprecht, Neuausgabe Göttingen 2008, 1193 S., 128,00 €.
Joseph A. Schumpeter ist Österreicher, er zählt aber nicht zur Österreichische Schule der Nationalökonomie. Sein 1,7 kg schweres Opus magnus macht dies auf annähernd 1.200 Seiten deutlich: „Konjunkturzyklen analysieren heißt nicht mehr und nicht weniger, als den Wirtschaftsprozeß des kapitalistischen Zeitalters analysieren.“ lautet der erste Satz des Traktats.
Tatsächlich hat Schumpeter in der 1939 in englischer Erstauflage erschienenen Abhandlung eine komplexe Theorie der Konjunkturzyklen, jedoch keine überzeugende Konjunkturtheorie entwickelt. Im Mittelpunkt steht ein diskontinuierlicher, innovationsgetriebener Prozess von Aufschwung und Abschwung. Mächtige, allein endogene Kräfte sind nach Schumpeters Auffassung am Werk. Seiner Kerntheorie, dem Zwei-Phasen-Zyklus zufolge sorgen Innovatoren und Immitatoren für einen Aufschwung vom wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand. Sie schaffen einen neuen „Möglichkeitsraum“ und sorgen für einen qualitativen Wandel. Der Aufschwung trägt den Keim des Abschwungs in sich, weil die Innovatoren diesen nicht verstetigen können und eine „Autodeflation“ mit den neuen Produkten verbunden sein soll. Im erweiterten Vier-Phasen-Zyklus aus Prosperität – Rezession – Depression – Erholung lösen einerseits Spekulanten sekundäre Wellen aus, etwa indem sie den Aufschwung vorziehen. Andererseits dynamisieren die Verlierer des Wettbewerbs und die ihnen gewährten unproduktiven Darlehen den Konjunkturverlauf. Eine Depression ist für Schumpeter eine „abnormale Liquidation“, die dauerhaft möglich sein kann. Eine Erholung führt zu einem neuen Gleichgewicht. Das umstrittene Drei-Wellen-Schema mit langfristigen Kondratieff-, mittelfristigen Juglar- und kurzfristigen Kitchin-Wellen vervollständigt Schumpeters Modell, das selbstverständlich erheblich facettenreicher als diese summarische Darstellung ist.
Schumpeter nimmt sich 138 Seiten Zeit, um sein Modell zu entwickeln. Der „Rest des Buches“ gliedert sich nach einer Methodendarstellung der statistischen Zeitreihenauswertung in eine historisch-statistische Darlegung von 1786 bis 1935, die nach dem dritten Kondratieff (1896-1913) durch sechs thematische Kapitel unter anderem zum Preisniveau, zum Zinssatz sowie zum Bankensystem und der Börse mit insgesamt rund 230 Seiten unterbrochen wird.
Konjunkturschwankungen bilden für Schumpeter einen integralen Prozess wirtschaftlicher Entwicklung, der sich historisch belegen lässt. Mit der dafür erforderlichen Jahre langen Arbeit wollte Schumpeter sein Opus eximium „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ aus dem Jahr 1911 werturteilsfrei und dezidiert unpolitisch vervollständigen. Allerdings wäre das Werk ohne die umfangreiche Einleitung des Volkswirtes Cord Siemon heute, da die Ideengeschichte ein Randdasein fristet, kaum noch zugänglich. Leider fehlt ihm der Blick der „Österreicher“. So benennt etwa Murray N. Rothbard in seiner glänzenden Darstellung „The Great Depression“ zahlreiche Trugschlüsse. Dazu gehört, dass Zeitpräferenz und Zinsen ignoriert werden, Sparen statt Technologie Investitionen beschränkt und Banken folglich nicht nur Innovationen, sondern auch bekannte Prozesse in großem Umfang finanzieren. – Tatsächlich erscheint Schumpeters Überhöhung der „allwissenden Banker“ gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise als grober Irrtum. – Zudem ist Schumpeters Sicht des Unternehmertums durch die Fokussierung auf innovatorische Unternehmensgründungen extrem einseitig und begrenzt. Insgesamt ist Mark Skousen (Vienna & Chicago) zuzustimmen, der eine Rückbesinnung auf die Österreichische Konjunktur- und Geldtheorie für erforderlich hält. Im Gegensatz zu ihrem konsequenten methodologischen Individualismus stellt sich nämlich die Frage, welchen Nutzen die künstliche Aggregatbildung historischer Zyklen bietet. Schumpeter mag als Ideen- und Impulsgeber wertvoll sein, aber die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung bedarf weit mehr als Konjunkturzyklen – vor allem „Human action“ (Ludwig von Mises).
Berlin Michael von Prollius





