Die Brevier-Reihe „Meisterdenker der Freiheitsphilosophie“ ist inzwischen zu einer stattlichen Galerie von Klassikern gewachsen. Umso erfreulicher ist es, dass Alexander Dörrbecker das in Deutschland kaum bekannte Werk des großen katholischen Liberalen Lord Acton durch Übersetzung und schlüssige Gliederung des Stoffs zugänglich gemacht hat. Auf über 200 Seiten entsteht ein Gesamtbild des publizistischen und literarischen Wirkens eines Mannes, dessen Lebenswerk lediglich aus Fragmenten besteht. Entstanden ist zugleich ein gut erschlossener Zitatenschatz, der nicht zuletzt durch den begleitenden Essay Interesse an einer weiterführenden Beschäftigung weckt.
Wer kennt nicht die berühmte, komprimierte Feststellung Actons: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“? Als einer der herausragenden Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts neben Ranke und Tocqueville bietet Acton sogar eine Deutung der Weltgeschichte als Geschichte der Freiheit, die im antiken Griechenland mit Solon beginnt. „Unter Freiheit verstehe ich die Zusicherung, dass jeder Mensch darin geschützt sein soll, gegen den Einfluss von Autorität oder Mehrheiten, Gewohnheit oder Meinung, das zu tun, was er für seine Pflicht hält.“ Eine ernst zu nehmende Bedrohung bedeutet die unbeschränkte Demokratie mit dem reinem Mehrheitsprinzip. Acton, der die Bedeutung des Gewissens herausstellte, warnte vor absoluter Gleichheit als Gesellschaftsziel. Zugleich forderte er, der Mensch müsse die Freiheit in sich erkennen, da er ein Geschöpf Gottes sei.
Zeitlos aktuelle Herausforderungen bietet das Brevier unter anderem beim Konflikt zwischen Gleichheit und Freiheit („Genuss der Gleichheit als oberstes Ziel – daraus entsteht Kommunismus“), Actons Ablehnung staatlicher Armenhilfe („Sie schafft auf künstliche Weise ein Proletariat, einen klassenlose Gruppe, die ... auf dauerhafte Unterstützung derjenigen baut, die für sie sorgen.“) und bei der Beschränkung der Macht als wichtigster Aufgabe: „Der Staat muss zurückgewiesen werden, es sei denn, es handelt sich um Geschäfte, die offensichtlich seine eigenen sind.“ Stets bleibt für Acton Freiheit das höchste politische Ziel, statt Mittel zum Zweck zu sein.
Das Lord-Acton-Brevier lädt zum Innehalten ein, zum Nachdenken über das, was unsere Gesellschaftsordnung ausmacht.
Michael von Prollius
Quelle: erschienen in eigentümlich frei 105 Sept. 2010, S. 64.
Alexander Dörrbecker (Hrsg.): Geschichte und Freiheit. Ein Lord-Acton-Brevier, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2010, 237 S., 16,00 EUR.





