Das verkrampfte Verhältnis vieler Historiker zum Kapitalismus hat u.a. F. A. Hayek als Herausgeber von „Capitalism and the Historians“ 1954 aufgezeigt. Deren Vorliebe für obrigkeitliche und kollektive Größen versperrt vielfach den Blick für das, was liberale Sozialphilosophen und Ökonomen seit Jahrzehnten, besser Jahrhunderten als herausragend für die Entstehung und Funktionsweise einer Marktwirtschaft ansehen: Institutionen, vor allem starke individuelle Verfügungsrechte, die als Schlüssel für den Übergang zu einer Wettbewerbsordnung im Zuge der „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) entstanden. Christiane Eisenberg zeigt jedoch auf, dass die „Sattelzeit“ zu eng gefasst ist.
In ihrer lesenswerten Studie versucht sie „die Entstehung, die Strukturmerkmale und die Entwicklungsdynamik einer früh entwickelten Marktgesellschaft idealtypisch zu rekonstruieren“ (S. 13). So werden Vergleiche mit historischen und gegenwärtigen Phänomenen möglich. In drei kompakten chronologischen Kapiteln von jeweils rund 30 Seiten interpretiert sie Englands „Prozess der Kommerzialisierung“ als 750 Jahre überspannende Entwicklung (von 1066 bis etwa 1800), konzentriert auf Binnenwirtschaft und kulturelles Leben.
Die Grundlagen der englischen Marktwirtschaft liegen demnach im Mittelalter als Märkte für Boden, Arbeit und später auch Kapital sowie für Nutzungsrechte entstanden. „Wichtige Grundlagen der Marktgesellschaft waren in England bereits im 11. Jahrhundert gelegt worden.“ (S. 45) Entscheidend ist die schrittweise errungene, sich kontinuierlich ausbreitende Herrschaft des Rechts („Rule of law“), die auch den König band, mit dem „Common Law“ im Zentrum. Herausragende Bedeutung besitzt das Eigentum auch als Status.
Die Marktverdichtung – Markt gerechtes Verhalten wurde belohnt – kommt in der Frühen Neuzeit u.a. in Agrarrevolution und Verstädterung sowie vollständiger Gewerbefreiheit durch den Niedergang der Zünfte zum Ausdruck. Bedeutsam ist ferner die Finanzrevolution im 18. Jhdt. mit entstehenden Kaufmannsvereinigungen, der Royal Exchange als wichtigstem Marktplatz, „Coffee houses“ als Informationsbörsen und Vorformen von Versicherungsunternehmen. Ob die privilegierte Bank of England einen auch langfristig positiven Beitrag geleistet hat, sollte vor dem Hintergrund der Bullionisten-Kontroverse differenzierter betrachtet werden. Zu klären bleibt auch, ob das Bevölkerungswachstum nicht Folge der sich ausbreitenden Marktwirtschaft war. Angesichts einer ausführlich dokumentierter Marktdynamik erscheint zudem die Bedeutung der Politik (verstanden als Regierung) überbewertet, zumal in der Synthese selbst der private Auf- und Ausbau der Infrastruktur herausgearbeitet wird. Insofern könnte der Aufstieg des ökonomischen und des politischen Liberalismus im 17./18. Jhdt. stärker thematisiert werden. Das gilt auch für die Bedeutung von Arbeitsteilung und Wissensmehrung vermittelt durch Preise.
Die „Interdependenz der Ordnungen“ (Walter Eucken) lehrt, dass man Marktbeziehungen nicht in „soziale und kulturelle Zusammenhänge erfolgreich einbetten“ (S. 123) muss, da sie ohnehin unauflösbar verflochten sind. Zuzustimmen ist, dass die Marktwirtschaft den Hunger überwand und einen einzigartigen Wohlstand in Europa schuf – als Folge einer bemerkenswert „gleichförmig .. ohne .. Rückschläge“ (S. 122) verlaufenden Entwicklung. Also: Je mehr Freiräume die Menschen den Herrschern abtrotzen, desto stärker die Prosperität.
Obwohl Christiane Eisenberg weder methodisch noch sprachlich einen libertären Ansatz verfolgt, berühren sich viele Ergebnisse mit etwa Ralph Raicos „History: Struggle for Liberty“. Hinsichtlich der Bedeutung von Werten ergeben sich sogar Anknüpfungspunkte zu Deirdre N. McCloskey „The Bourgeois Virtues“. Die England-Studie weist zudem Parallelen auf zu Douglas C. North „The Economic Growth of the United States 1790-1860“, der die Evolution einer Marktwirtschaft als entscheidenden Faktor für das Wachstum in den USA herausgearbeitet hatte. Christiane Eisenberg gewinnbringende Perspektive auf eine längere Periode, konzentriert auf den Binnenmarkt, birgt viel Diskussionsstoff.
Berlin Michael von Prollius
Quelle: erschienen in Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG) 97 (2010) H. 3, 348f.
Christiane Eisenberg: Englands Weg in die Marktgesellschaft (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 187), Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2009, 166 S., 32,90 €.





