Die Österreichische Schule der Nationalökonomie erfreut sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Ein Grund dafür sind die methodischen Mängel von Neoklassik und Neokeynsianismus, ein anderer die populäre Wiederbelebung des Gedankenguts durch vielfach private Initiativen nicht zuletzt im angelsächsischen Raum.
Bisher nahezu vollständig vergessen geblieben sind die Steuertheorien der Österreichischen Schule. In seiner soliden und erfreulich systematischen Dissertationsschrift untersucht der frühere Mitarbeiter am Institut für Finanzwissenschaft der Universität Hamburg Karsten von Blumenthal, welche Beiträge die Vertreter der Österreichischen Schule zur Steuertheorie geleistet haben, ob diese eine eigenständige „österreichische“ Steuertheorie bilden, und schließlich die Wechselwirkungen ideengeschichtlicher Einflüsse auf und durch die Österreichische Schule. Der Untersuchungszeitraum umfasst die gesamte Kernzeit der Österreichischen Schule – von den Anfängen in den 1880er Jahren bis zum Zerfall in den 1930er Jahren.
Karsten von Blumenthal nimmt nach einer knappen Einleitung eine vorbildliche Analyse der Österreichischen Schule vor. Es folgt eine konzise Einordnung des Themas in die Kontexte: Forschungsstand, realgeschichtlicher Hintergrund und dogmenhistorische Wurzeln der Steuertheorie. Die beiden thematischen Hauptkapitel behandeln die steuertheoretischen Beiträge des Schulbegründers Carl Menger und der zweiten Generation, namentlich insbesondere Robert Meyer, Emil Sax und Friedrich von Wieser, sowie der dritten und vierten Generation, insbesondere Joseph A. Schumpeter und Ludwig von Mises. Dies geschieht anhand folgender Systematik: Überblick über das steuertheoretische Werk, Klärung des Staatsverständnisses, Analyse der Stellung zur Effizienz der Besteuerung, zur Steuergerechtigkeit und zur Steuerinzidenz, schließlich Rezeption des jeweiligen Werkes.
Insgesamt war die die Österreichische Schule in finanzwissenschaftlicher Hinsicht nicht auf Liberalismus und Minimalstaat festgelegt. Das heterogene Staatsverständnis tritt besonders bei den herausragenden Steuertheoretikern Meyer und Sax zu Tage. Diese zweite Schulgeneration entwickelt eine eigene „Steuerwertlehre“ (von Blumenthal) als originären Schulansatz auf der Grundlage der Mengerschen subjektiven Bedürfnis- und Wertlehre. Sax gelang mit seinem komplexen ökonomischen Theoriegebäude „Grundlegung der theoretischen Staatswirthschaft“ 1884 ein großer Wurf: „Dieses Werk initiiert ein internationales Forschungsprogramm, dessen Kern bis heute zum Kanon finanzwissenschaftlicher Theoriebildung gehört: die optimale Bereitstellung öffentlicher Güter und synchron dazu die optimale gesamtwirtschaftliche und individuelle Steuerhöhe.“ (S. 363f.) Der österreichische Perspektivwechsel weg von der distributiven hin zur Effizienz orientierten Betrachtungsweise war schon für Zeitgenossen geradezu revolutionär – und wird auch heute noch weitgehend ignoriert. Dabei ist der Ansatz politisch aktuell, stellt er doch die Frage nach dem Preis-Leistungsverhältnis staatlicher Aktivität. Unter Effizienz der Besteuerung verstanden die österreichischen Steuertheoretiker sowohl die Auswirkungen auf die Ressourcenallokation als auch die Organisation der Besteuerung selbst. Leider führten insbesondere herausragende Theoretiker wie von Mises und Schumpeter dieses Programm nicht fort, wenn auch Schumpeters interdisziplinärer Zugang für steuertheoretische Fragen neue Sichtweisen bietet, die wie der Steuerwettbewerb bis heute die Forschung anregen.
Die ideengeschichtliche Studie verdient eine breite Aufmerksamkeit über das Fachpublikum hinaus – ein verkaufsträchtigeres Cover würde dazu beitragen.





