Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft e. V.

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Philipp Batthyány: Zwang als Grundübel der Gesellschaft.

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Friedrich A. von Hayeks bekannte Wendung von der «Freiheit als Abwesenheit von Zwang» wirft naturgemäss die Frage auf, wie dieser Zwang genau zu verstehen ist. Im Folgenden wird ein Buch vorgestellt, das den Hayekschen Zwangsbegriff zum Gegenstand hat. (Red.)

Friedrich August von Hayek gehörte zu den grossen liberalen Wirtschafts- und Sozialtheoretikern des 20. Jahrhunderts. Seine Beschreibung des Marktes als ein «Entdeckungsverfahren» ist bis heute eines der besten Grundargumente für die Freiheit geblieben. Freiheit war für Hayek immer «negativ» definiert. Es ging um «Abwesenheit von Zwang». Aber kann man Hayeks Freiheitsbegriff verstehen, ohne sich mit dem Gegenteil zu befassen?

Zwang als Übel

In seinem überaus lesenswerten Buch «Zwang als Grundübel der Gesellschaft» hat sich der Philosoph Philipp Batthyány den Begriff des Zwangs bei Hayek sorgfältig vorgenommen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass Hayek ein sehr grosses OEuvre hinterliess, das über Jahrzehnte wuchs und auch bisweilen Brüche aufweist. Batthyány gelingt es sehr wohl, sich dieser Herausforderung zu stellen, um dann eine Fülle von Ideen zu finden, die sich durchaus zu einem imposanten Ideengebäude entwickeln lassen.

Zwang, so schält Batthyány schliesslich den Kern des Hayekschen Zwangsbegriffs heraus, bestehe aus zwei Komponenten, nämlich dem gewaltsamen Eingriff in das Handlungsumfeld des Gezwungenen, der diesen bewegt zu tun, was er eigentlich nicht tun wollte, sowie dem Ziel des Zwingenden, dem sich der Gezwungene unterwerfen muss. Hayek verwendet, wie der Autor zeigt, drei Argumente, um Zwang als Übel darzustellen: Ein (wenig ausgearbeitetes) kantianisches gegen die Verzwecklichung des Menschen; ein Wissensargument, weil Zwang die Nutzung des eigenen Humankapitals unterbindet; und ein sich daraus ergebendes evolutionäres Argument, das besagt, dass kulturelle und soziale Entwicklung sich aus freier Kooperation ergeben.

Originell ist der Versuch des Autors, aus Hayeks Thesen eine deontologische (d. h. als Selbstzweck fungierende) Ethik zu entwickeln. Hayeks Zwangsbegriff ermöglicht dies insofern, als er primär auf einer negativen (Freiheits-) Regel basiert und somit konsequentialistische Erwägungen zur Freiheitsbeschränkung ausschliesst. Zwang ist demnach nur legitim, wenn er, einer allgemeinen Regel folgend, Zwang und Gewalt abwehrt. Erschwert wird aber das Ansinnen des Autors dadurch, dass Hayek an manchen Stellen den Zwangsbegriff so ausweitet, dass er dennoch die Erzwingung von positiven Gütern zulässt. Dazu gehört die Bereitstellung von Gütern, die der Markt nicht bedient, und die Verhinderung des Ausnutzens von Monopolsituationen (die Hayek am Beispiel eines Oasenbesitzers erläutert, der lebenswichtiges Wasser vorenthalten kann). Batthyány konzediert hier (vielleicht ein wenig zu generös), dass es zwei Zwangsbegriffe gibt und dass Hayek hier eine Erweiterung der ursprünglichen engen Definition verfolgt.

Keine endgültigen Antworten

Ob Hayek hier aber nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat, d. h. seine Definition am Ende so definiert hat, dass konsequentialistische Begründungen nicht nur wieder möglich sind, sondern auch keine klaren Begrenzungen für ihre praktische Anwendung mehr gezogen werden, ist eine Frage, die sich stellt. Batthyánys klare Analysen haben hier sicher den Grund für weitere Debatten gelegt. Sie haben aber auch aufgezeigt, dass selbst ein Meisterdenker wie Hayek keine endgültigen Antworten auf das Problem der Grenzen von Freiheit und Zwang gefunden hat. Bei einem Denker, der stets vor der «Anmassung von Wissen» warnte, ist das aber kein schwerer Tadel.

Detmar Doering

Philipp Batthyány: Zwang als Grundübel der Gesellschaft. Walter-Eucken-Institut. Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik. Mohr Siebeck, Tübingen 2007. 242 S., € 44.–.
(zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 29.02.2008, Seite 72)

 

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