Eine Lanze für die bürgerliche Welt Warnungen vor Wirkungen kollektivistischer Ordnungen
Im Wohlfahrtsstaat ist die Spannung zwischen freiheitlichen und kollektivistischen Spielregeln ein Dauerthema. Hier werden zwei Bücher besprochen, die sich aus heutiger und aus früherer Sicht mit den Folgen von übertriebenem Umverteilen und Intervenieren befassen. (Red.).
Wie kaum ein anderer verteidigt seit Jahren der Publizist und frühere Unternehmer Roland Baader im Geiste der österreichischen Schule der Ökonomie (Mises, Hayek, Rothbard) die Werte, die unserer Zivilisation zugrunde liegen und die der moderne Wohlfahrtsstaat vielfach und oft schleichend bedroht: Eigentum, Familie, Marktwirtschaft und (christliche) Religion. Baaders besondere Ambition ist es, verständlich zu schreiben und dadurch die Lehren dieser Meisterdenker zu popularisieren. Dass ihm dies auch gelingt, zeigen erfolgreiche Bücher wie «Fauler Zauber» (ein Buch über den manipulierenden Wohlfahrtsstaat) oder, zuletzt, «Geld, Gold und Gottspieler» (gegen das staatliche Papiergeld-Monopol und seine Folgen).
Zeigt die Uhr schon 5 nach 12?
Roland Baader ist im Angriff nicht zimperlich. Er beherrscht die Kunst der Zuspitzung und der Dramatisierung, wobei sein Stil manchmal ins Markige, wo nicht Martialische übergeht. Er sieht eben, und dies wahrscheinlich nicht zu Unrecht, unsere Zivilisation durch den vordringenden Wohlfahrtsstaat im Kern bedroht, und manchmal scheint es, als ob er sie schon versinken sähe im Chaos einer Finanz-, Wirtschafts- und Sozialkrise, in Bandenkämpfen und Bürgerkriegen. Hierbei fällt auf, dass er, im Sinne der österreichischen Schule, Krisen und Konjunkturen als Folge der staatlichen Herrschaft über das Geld sieht.
Staatliche, marktwidrige Zinsmanipulationen über die Zentralbanken sind Kernursache der kommenden grossen ökonomischen Krise, als deren Vorbote er den Zusammensturz der amerikanischen Immobilienmärkte einstuft. Auch wenn er in apokalyptischer Verdüsterung meint, es sei bereits 5 nach 12, hält er offenbar doch den Kampf für sinnvoll, den er so eindrucksvoll führt. So nun auch in der jüngst erschienenen Aufsatzsammlung: einer Zusammenstellung von 55 Essays und Zeitungsartikeln der letzten Jahre, vor allem in dem radikalliberalen Magazin «eigentümlich frei» publiziert.
Alle Ressorts und Missgriffe des «Sozialsozialismus» werden vorgeführt, so etwa die absurde Regulierung des Gesundheitssektors, die egalitäre «Anti-Diskriminierungs»-Gesetzgebung und das «gender mainstreaming». Auch die sonstigen Einmischungen des Wohlfahrtsstaates bis hinunter zu den Rauchverboten geraten in sein Visier. Eine wichtige Ursache für die Ausuferungen des umverteilenden Wohlfahrtsstaates sieht Baader im staatlichen Bildungswesen. Er zitiert Mises: «Totalitarismus ist das Ergebnis der überlegenen Stellung der Bürokratie im Bereich der Erziehung. Die Universitäten bereiteten den Diktatoren den Weg.» Das staatliche Bildungswesen reproduziere immer wieder Staatsgläubigkeit und Staatshörigkeit. Man wird dies zugeben müssen: Das überregulierte private Schul- undHochschulwesen spielt in Deutschland leider nur eine Nebenrolle. Die gesetzliche Zwangsschule wird gegenwärtig erneut mit Polizeimitteln gegen Ansätze des «Homeschooling» (das in vielen anderen Ländern erlaubt ist) durchgesetzt.
Umgestaltung der Gesellschaft
Zustände, wie sie Roland Baader wieder für unsere Gesellschaft heraufkommen sieht, beschreibt in einer «Negativ-Utopie» der berühmteste deutsche liberale Politiker der Bismarck-Zeit, Eugen Richter, 1891 in seinen «Sozialdemokratischen Zukunftsbildern» («frei nach Bebel»), ein Buch, das vor dem Ersten Weltkrieg ein Bestseller war. In Form eines fiktiven Tagebuches schildert hier ein zunächst begeisterter Sozialdemokrat den Sieg der Revolution in Berlin und die anschliessende Umgestaltung der Gesellschaft: Verstaatlichung, Auflösung der Familie; Herstellung sozialer Gleichheit, Organisation der Arbeit und des Konsums. Dies alles wird nicht abstrakt dargestellt, sondern in persönlichen Erlebnissen einer Familie, deren Glück durch Staatswillkür zerstört wird.
Viel von dem, was Richter hier schildert, wurde später in den realsozialistischen Ländern bis ins Detail Wirklichkeit: die Schäbigkeit und Monotonie des Alltagslebens, miserable Versorgung, der wachsende Terror, der Verlust auch der geistigen Freiheit, der Zerfall der sozialen Beziehungen durch die Schwächung und Kontrolle der Familienhaushalte. Deutschland wird hier zum ersten Mal als «Zuchthausstaat», gesichert durch Grenzsoldaten mit Schiessbefehl, gezeigt. In der DDR wurde dies dann zur Realität. Eugen Richter zeigt mit ökonomischem Sachverstand und psychologischer Phantasie die Unmöglichkeit eines demokratisch-freiheitlichen Sozialismus. In einer Zeit, in der sich eine radikale Linke in Deutschland mit Frechheit und historischer Ignoranz erneut konstituiert und prominente Politiker vom «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» schwadronieren, ist diese Lektüre gewiss aktuell. Es ist verdienstvoll, dass der neue Lichtschlag-Verlag diese «Zukunftsbilder» wieder aufgelegt hat. Detmar Doering hat das Richter-Buch mit einer ausführlichen, ganz exzellenten Einleitung bereichert.
Gerd Habermann
Roland Baader: Markt oder Befehl. 55 Streitschriften für die Freiheit. Lichtschlag-Medien, Grevenbroich 2007. 361 S., Fr. 44.90.
Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder – frei nach Bebel. Lichtschlag-Medien, Grevenbroich 2007. 144 S., Fr. 30.90.
(zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2008, Seite 67)





