Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit. Plädoyer für eine radikale Aufklärung. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 168 Seiten, 38,40 Sfr/19,90 Euro.
Freiheit, Markt, Wettbewerb, Kapitalismus – das sind alles Begriffe, die derzeit, zu Beginn einer globalen Ära des Neodirigismus, nicht recht salonfähig scheinen. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise frönen zahlreiche Stimmen aus Politik wie Intelligenz einer geradezu obszönen Häme; da wird der Zusammenbruch einer neoliberalen Verschwörung ebenso ausgerufen wie ein Bankrott von Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung und Globalisierung. Wer schon bisher der „Invisible-Hand“-Verheissung der spontanen Selbstorganisation komplexer Systeme die weithin sichtbare Hand eines voluntaristisch agierenden Kollektivs entgegenzusetzen suchte, der fühlt sich jetzt bestätigt. Weil die spontane Koordination auf den Finanzmärkten vorübergehend zusammengebrochen ist, ist die Sehnsucht nach dem guten alten Plan zurückgekehrt. Der Staat gerät schier zum Messias – was umso verlogener anmutet, als mit Fehlregulierungen, zügelloser Sozialpolitik und kurzsichtiger Geldpolitik ein erhebliches Mass an Staatsversagen an der Wurzel des aktuellen Marktversagens steht. Doch das wird generös ignoriert.
In dieser Lage kommt das neue Buch „Eros der Freiheit“ der Frankfurter Publizistin Ulrike Ackermann gerade recht. Resolut, kenntnisreich und mit eleganter Feder schreibt die Autorin gegen den antikapitalistischen Zeitgeist an. Dieser ist schliesslich nicht erst das Produkt der Finanzkrise, sondern hat sich schon zuvor schleichend bis in die bürgerliche Mitte hinein ausgeweitet und in einem Linksrutsch der öffentlichen Meinung bemerkbar gemacht. Umso mehr gerierten sich die Marktakteure gerade jetzt, „als betrieben sie einen Kapitalismus mit schlechtem Gewissen“ – und das völlig unnötigerweise. Ulrike Ackermann ruft zu einer überfälligen „Selbstvergewisserung über unsere Freiheitstraditionen“ und zu einem neuen westlichen Selbstbewusstsein auf, auch in mutiger Abgrenzung von einer anderen akuten Quelle der Freiheitsbedrohung, dem Islam.
Sie erklärt zugleich, warum das Pendel überhaupt dermassen heftig gegen den Liberalismus und den Markt als dessen ökonomische Erscheinungsform zurück schwingen konnte: nämlich vor allem deshalb, weil der Liberalismus bisher noch in der rationalistischen Kälte der Aufklärung verhaftet sei und nach wie vor die irrationalen, teils hellen, mitunter aber auch dunklen Seiten des Menschen nicht recht einzubeziehen verstehe. Im Menschen ringe die Sehnsucht nach Freiheit ständig mit der Angst vor ihr. Und beide seien angetrieben vom Eros, „jenen Lebenstrieben, die die Vernunft nicht bändigen kann, die nicht Ruhe geben und uns zugleich die Kraft verleihen, die Freiheit zum Guten wie zum Bösen zu nutzen.“
So essentiell die Aufklärung mit dem kantianischen Aufruf zum „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) gewesen sei, so sehr müsse heute doch auch die Verunsicherung und die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Georg Lukacs) des nunmehr zunehmend auf sich selbst gestellten Individuums berücksichtigt und andererseits die Lust auf Freiheit wachgerufen werden. „Ohne die Hereinnahme dieser abgründig irrationalen Seite werden wir uns die Freiheit kaum aneignen, sie gar lieben können“, warnt sie und zieht so, mancher Denkgewohnheit zum Trotz, ein originelles Band zwischen der Aufklärung und der Freudianischen Psychologie. Die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie hingegen bekommt ihr verdientes Fett ab.
Die liberale Demokratie und den Markt beschreibt die Autorin als Ergebnis eines langen zivilisatorischen Prozesses von der Antike bis zur Aufklärung. Sie nimmt uns mit auf eine ideengeschichtliche Entdeckungsreise, auf deren vielfältigen und intelligent verknüpften Stationen sie so wichtige Epochen und Ereignisse streift wie die Renaissance, die Reformation, die Romantik und die (Amerikanische und Französische) Revolution. Sie behandelt dabei Kernkonzepte wie den negativen und den positiven, den individuellen und den politischen Freiheitsbegriff sowie die Gleichheit vor dem Gesetz. Und sie gewährt Einblicke unter anderem in das Werk von Aristoteles, Thomas von Aquin, John Locke, Adam Smith, Kant, Rousseau, Mill, Constant, Humboldt, Schelling, Wieland und Hayek. Doch auch Novalis kommt zu Wort, und Thomas Mann spannt mit dem Wortgefecht zwischen Naphta und Settembrini aus seinem „Zauberberg“ sogar schon im Prolog das Problemfeld auf.
Der Reiz des Essays speist sich gerade aus diesem weiten geistesgeschichtlichen Horizont: Die Autorin, die seit kurzem einen Lehrstuhl für Freiheitslehre in Heidelberg innehat, führt hier ihre originären Wissenschaftsgebiete – Soziologie, Politik, Philologie und Psychologie – mit Philosophie, Ökonomie und Geschichte zusammen und gewinnt in dieser interdisziplinären Perspektive ungewöhnliche, kluge Einsichten. Ihre ästhetische, niemals pathetische Sprache entfaltet dabei einen unwiderstehlichen Sog, und so ist das gut 160 Seiten umfassende Büchlein trotz des anspruchsvollen Inhalts auch rasch gelesen.





