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Die Macht der liberalen Ideen. Plickert über das Wirken der Mont Pèlerin Society

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Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zur Entwicklung und Ausstrahlung der „Mont Pèlerin Society“, 516 Seiten, Verlag Luzius & Luzius, Stuttgart 1968.

Dass es im politischen Wettbewerb letztlich auf die Macht der Ideen ankommt, verdeutlicht ein gern von Hayek zitierter Ausspruch von J. M. Keynes: „Die Ideen der Nationalökonomen und Philosophen wirken stärker als allgemein angenommen wird und zwar sowohl, wenn sie recht haben, als wenn sie irren. Tatsächlich wird die Welt kaum von etwas anderem regiert. Wahnsinnige an der Macht, die Stimmen aus dem Äther hören, holen sich ihre Phantasien aus irgendeinem akademischen Schmierer von Jahren vorher. Ich bin überzeugt, dass die Macht wirklicher Interessen weit überschätzt wird im Vergleich mit der langsamen Infiltration von Ideen“. So sind es nicht die „Massen“, die den Lauf der Geschichte bestimmen, sondern die Intellektuellen, die sie mit Ideen lenken, die schließlich auch – abgewetzt - den letzten Durchschnittskopf erreichen. In Plickerts Meisterwerk wird die Geschichte der Mont Pèlerin Society, einer losen Vereinigung von entschieden liberalen Streitern, zum Kristallisationspunkt für die Ideenkämpfe des 20. Jahrhunderts. Das Licht der Freiheit war fast erloschen, als sich im Jahre 1938 in Paris zum ersten Mal jener Kreis erlauchter liberaler Gelehrter und Publizisten zum Colloque Walter Lippmann zusammenfand. Verzögert durch den Weltkrieg konstituierte sich diese Gruppe endgültig 1947 am Berge Mont Pèlerin (nahe Genf) als „Society“. Gründungsväter waren vor allem europäische und amerikanische Gelehrte (vorwiegend Ökonomen) und einige liberale Publizisten. Im Zeitpunkt der Gründung waren der „rechte“ Sozialismus, und der italienische Faschismus, gerade niedergerungen, aber die Herrschaft der Tyrannis dauerte in Russland fort und mit dem „Wohlfahrtsstaat“ erhob sich der Leviathan in zunehmender Kraft. Von Hayek war eine treibende Kraft bei der Gründung, ebenso Wilhelm Röpke, auch Ludwig von Mises und von amerikanischer Seite etwa Milton Friedman, Frank Knight, Henry Simons. Walter Eucken stieß hinzu und der geistreiche Bertrand de Jouvenel. Dieser geistesaristokratische Club wollte keinen„Orden“ darstellen, sondern einen locker assoziierten geistigen Freundeskreis der „Besten“ sein. Man trifft sich einmal im Jahr und tauscht sich aus. Im übrigen ist jeder für sich „nonzentral“ an seinem Ort im Sinne der Gesellschaft tätig. So vielfältig die Persönlichkeiten waren (darunter bis heute acht Nobelpreisträger, zuletzt Vernon Smith), so differenziert ist auch die Spannweite der liberalen Ideenwelt, die unter dem Gattungsnamen „Neoliberalismus“ zusammengefasst wird. Da ist der soziologische Liberalismus der Wilhelm Röpke oder Alexander Rüstow, dann die entschiedenen „österreichischen“ Denker wie von Mises oder von Hayek; eine eigene Prägung hat der namentlich von Walter Eucken konzipierte „Ordoliberalismus“. Die (heute dominanten) Amerikaner sind u. a. mit dem Monetaristen Friedman vertreten, der rabiate Anarchokapitalismus ist mit Murray N. Rothbard oder Hans Sennholz präsent. Christlich geprägte Liberale wie Götz Briefs oder Erik von Kühnelt-Leddihn kommen hinzu, ebenso Sozialdemokraten in der Art Karl Poppers oder (vorübergehend) John Rawls. Ein Mann wie Russel Kirk akzentuiert das Konservative. Entsprechend lebhaft sind die Debatten. Da die MPS ja keine politische Aktionseinheit sein will, empfindet man diese „Fülle der Gesichter“ eher als Vorzug. Über alle Flügel hinweg ist man sich immerhin in einem einig: in der Ablehnung der kollektivistischen Tyrannis wie auch des keynesianischen Wohlfahrtsstaates und seiner „Makroökonomie“.

Wie weit reichte der Einfluß dieser glänzenden Minorität? In Deutschland triumphierte sie vorübergehend mit Ludwig Erhard, diesem Glücksfall der deutschen Geschichte, in Großbritannien mit Margaret Thatcher, in den USA mit Ronald Reagan. Hat dieser Neoliberalismus triumphiert? Wohl kaum, wenn man die wenig reduzierten Staatsquoten vor und nach den liberalen Reformen ansieht. Wohl bestätigte ihn der Zusammenbruch des Sozialismus. Jedoch: der Leviathan (als Wohlfahrtsstaat) blieb. Der Neoliberalismus ist in Deutschland inzwischen beinahe so marginalisiert, ja stigmatisiert wie früher der „Manchesterliberalismus“, obwohl sein Ansatz eben gerade nicht das naive „Laissez Faire“ war und der gegenwärtige „Crash“ wenig mit „Neoliberalismus“ zu tun hat. Mit dem drohend heraufziehenden autoritären Etatismus ist der MS aktuell ein Gegner entstanden, der sie erneut stark herausfordert.

Wer die Geschichte des Neoliberalismus im 20. Jahrhundert kennenlernen will, findet in Plickerts Monographie einen „Klassiker“. Ein Glücksfall ist, dass Plickert nicht nur deskriptiver Historiker, sondern ebenfalls „neoliberal“ geschulter Ökonom mit historischen Einfühlungsvermögen ist. Ein „Muß“ für jeden wahren Liberalen!

(Leicht geändert abgedruckt in der Neuen Zürcher Zeitung vom 28. November 2008)

 

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