In diesem Jahr geht die große europäische Studienreform – der „Bologna-Prozeß“ – in ihr zehntes Jahr. Es ging hier um eine „Harmonisierung“ der Hochschulabschlüsse in Europa, damit um eine Erhöhung der Mobilität zwischen den Universitäten, um den „einheitlichen europäischen Hochschulraum“. Nicht der Wettbewerb auf Basis gegenseitiger Anerkennung, sondern die Gleichrichtung aller nationalen Studiensysteme wurde hier als Weg gewählt. Das war von Anfang an falsch. Der Widerstand gegen diese Reform wächst, Studenten gehen überall auf die Straßen, besetzen Hörsäle und finden vielfach die Sympathien von inzwischen gründlich desillusionierten Professoren und Dozenten (Hätten diese nur gleich am Anfang dezidiert widersprochen!). Diese Reform ging einmal nicht von „Brüssel“ aus, sondern von 29 Bildungsministern jener Länder, die sich im Juni 1999 im italienischen Bologna versammelt hatten. Inzwischen hat sie 46 europäische Länder erreicht. In Deutschland wurde die Reform mit besonderer Rigorosität durchgesetzt. Deutsche Regulierungsseligkeit fand hier ein wunderbares Feld! Die bewährten und international angesehenen Abschlüsse wie Diplom, Staatsexamen, Magister wurden mit einem Schlag aufgegeben. Nach angelsächsischem Vorbild wurde ein Bachelor-Master-Modell oktroyiert. Nur die Juristen, Psychologen und die Architekten konnten sich bisher erfolgreich dem Bachelor verweigern. Auch die Bundeswehrhochschulen verleihen weiterhin das Diplom. Was nun hat man erreicht? Die kurzen (sechs Semester) Bachelor-Studiengänge wurden in kleinlichster Weise durchstrukturiert, in obligatorische kleine Einheiten oder Minifächer („Module“) gegliedert. Um sich zu profilieren machte sich jede Universität ihre eigenen Modulkombinationen. Der Bachelor-Abschluß brachte am Arbeitsmarkt, verglichen mit dem früheren Diplom, eine Abwertung. Er qualifiziert z. B. nicht für den höheren Dienst im Staat. So studieren jetzt die meisten Studenten auf einen Master-Abschluß hin (was gegen den Sinn der Reform ist). Für die Mobilität wurde nichts erreicht, im Gegenteil. Es ist kaum mehr möglich, ohne große Zeitverluste im Ausland zu studieren oder auch nur im Inland zu wechseln, da jede Hochschule ihre besonderen Modulkombinationen hat und jedes Land und jede Nation die Reform im übrigen auf seine besondere Weise durchführte. Das Hauptanliegen der Reform wurde nicht erreicht. Auch die Abbrecherquote, ein Unterziel, wurde bisher nicht gesenkt. Das reine Pauksystem hat namentlich in den geisteswissenschaftlichen Fächern nichts zu suchen. Es ist eine Schnellpresse mit dem Ziel des Fachidioten (schnellere Durchlaufzeit ohne zusätzliches Personal!). Für Praktika und Nebenjobs bleibt kein Raum. Auch für andere Engagements auf dem Campus fehlt jetzt die Zeit, ob für UNI-Orchester, Sportgruppe oder Fachschaft - überall klagt man über Teilnehmerschwund. Auch leidet die Freude am Studium. So sieht es aus, wenn die Politik erst durch Abschaffung von Gebühren (das Verschenken von Studien!) die Universitäten zu Massenanstalten macht. Dann, da die Steuerung durch Eigeninteresse (Gebühren) fehlt und die Leistungsstandards gesenkt wurden: erst Mengenbewirtschaftung (Rationierung über ZVS) und jetzt Schmalspur mit Billigabschluß. Der Bologna-Prozeß wird revidiert werden. Hoffen wir, im Interesse unserer Kinder, dass hierbei mehr herauskommt, als bei den periodischen „Jahrhundertreformen“ im Gesundheitswesen, dem anderen Bereich, in dem staatliche Planwirtschaft für anhaltendes Chaos sorgt. Und die demonstrierenden Studenten sollten wissen, dass sie nur die Wahl zwischen Bachelor-Abrichtung und Wiedereinführung von Studiengebühren haben.





