Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft e. V.

in Verbindung mit der Friedrich August von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft

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Die ungeplante Gesellschaft Friedrich von Hayeks Theorie der Evolution spontaner Ordnungen und selbstorganisierender Systeme

Dieser seinem Freund Friedrich August von Hayek gewidmete Aufsatz von Gerard Radnitzky (Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, 29, 1984, S. 9 ff.) gibt eine glänzende Kurzdarstellung von Hayeks Gesellschaftslehre. Wir geben ihn hier ohne den einleitenden Teil und die Anmerkungen. Besonders interessant ist der Vergleich mit Karl Poppers und Gary Beckers Notizen.

Eine Zusammenfassung des Textes in englischer Sprache ist ebenfalls vorhanden.

I. Wie bei der Spezies Mensch durch Kulturelle Evolution Ultra-Sozialität entsteht: Der Weg zur Abstrakten Gesellschaft

Ein Grundproblem der Sozialordnung ist beim Menschen das gleiche wie bei seinen hominiden Vorfahren: unter sich ändernden Umweltbedingungen eine friedliche Sozialordnung beizubehalten. In einer Gruppe wird es immer Konflikte geben. Es geht daher darum, sie so weit wie möglich zu vermeiden bzw. im Rahmen zu halten. Das ist nur möglich, wenn ein großer Teil des Verhaltens Regeln folgt. Aber es gibt nicht nur Regeln zur Vermeidung von Konflikten, negative Regeln. Vielleicht noch wichtiger ist das Zusammenspiel der Gruppenmitglieder, das es ermöglicht, daß Erwartungen befriedigt werden. Das kann nur dann geschehen, wenn das Individuum in der Lage ist vorauszusagen, wie die anderen auf sein Handeln reagieren werden und also hoffen darf, daß sie gewisse seiner Bedürfnisse und Wünsche befriedigen werden. Auch das ist nur möglich, wenn regelkonformes Handeln die Regel ist. Dieser Zustand kann sich aber nur dann herausbilden und erhalten, wenn entsprechende Anreize für regel-konformes Verhalten vorhanden sind. Wie bereits erwähnt, kann mit Hilfe des "Rational Choice" Modells erklärt werden, warum in bestimmten Arten von Situationen (und paradigmatisch in der traditionsgesteuerten Stammesgemeinschaft) das "rule-following" Modell des Menschen brauchbare Erklärungen des Verhaltens liefert. Hayeks evolutionstheoretischer Ansatz wiederum kann erklären, warum sich bestimmte Regeln durchsetzen und andere im Wettbewerb der Regelsysteme, der Moralsysteme, eliminiert werden. Die Funktion von Handlungsregeln oder Gesetzen ist es, die Erwartungen des Individuums so zu verändern, daß für regelkonformes Verhalten Anreize bestehen und bei gesetzesbrecherischem Verhalten Kosten erwartet werden. Die Begriffe "Kosten" und "Nutzen" sind dabei im weitesten Sinne gefaßt und schließen selbstverständlich nicht-monetäre Kosten aller Art, wie z. B. psychische Kosten, Gewissensbisse usf. mit ein. Da diese Betrachtungsweise auch dann verwendbar ist, wenn anerkannt wird, daß dasjenige Normensystem, das sich durchgesetzt hat, sich bewährt hat, eine spontane Ordnung im Sinne von F. v. Hayek darstellt, sehe ich hier keine Unvereinbarkeit zwischen Hayeks Ansatz und dem von Gary Becker und anderen Vertretern des "economic approach".

1. Der Weg von der Jägerhorde zur Stammesgemeinschaft

Den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg von der Schimpansenhorde zur Jägerhorde brachte die Emergenz der Sprache. Die Darstellungsfunktion der Sprache bringt die Emergenz von abstrakten Entitäten (Karl Poppers "Welt-3") mit sich, von objektiven Inhalten von Gedanken, von Theorien (wahren und falschen), Problemen, Regeln, Kriterien usw. usf. Dadurch wird es möglich, abstrakte Entitäten wie Verhaltensweisen, Rezepte usf. zu tradieren. Traditionen und Institutionen verkörpern routinisierte Problemlösungsverfahren und haben Entlastungsfunktion (Ökonomie-Prinzip). Der Mensch hat nun eine riesige Zahl geistiger Vorfahren, und das Lernen aus Irrtümern wird effizienter und kann systematisiert werden. Das wiederum ermöglicht das enorme Tempo der kulturellen Evolution verglichen mit der biologischen Evolution. Das Ökonomie-Prinzip, das dem Einsätz von Sehen und Hören an Stelle von tatsächlicher Exploration, zugrundelag, ist jetzt auf einer höheren Ebene wirksam. Der Organismus handelt aufgrund von Erwartungen. Eine Erwartung, die sprachlich formuliert ist, als Hypothese, Theorie usf., kann, wenn sie ent-täuscht bzw. falsifiziert wird, eliminiert werden, ohne daß ihr "Träger" dabei auch eliminiert wird. Auf diese Weise können wir - wie Popper es formuliert - Theorien an unserer Stelle sterben lassen.

Die nomadischen Jäger- und Sammlerhorden mit im Durchschnitt 25 Erwachsenen (eine Größe die erstaunlich häufig, nahezu Standard ist) ist den hominiden Primatenhorden sehr ähnlich. In dieser Sozialordnung hat der Mensch drei bis vier Millionen Jahre gelebt, während seßhafte Landwirtschaft erst seit etwa 10 000 Jahren besteht. Es ist daher zu erwarten, daß das Normensystem, das Moralsystem, das das Leben in der Kleingruppe, in der jeder jeden kannte, ermöglicht hat und diesem Leben angepaßt ist, auch noch im Gefühlsleben des heutigen Menschen tief verankert ist. Hayek spricht von "unseren angeborenen Instinkten". Ich ziehe es vor, sie "quasi-angeborene Triebe und Emotionen" zu nennen, denn drei bis vier Millionen Jahre erscheinen viel zu kurz, um ein solches Merkmal genetisch verankern zu können. Es erscheint mir plausibel, daß diese Normen in den formativen Jahren des Kindes, in denen es völlig abhängig ist und daher Autorität unbedingt respektieren muß, internalisiert werden. Aus der beschreibenden Behauptung, daß dieses dem Leben in der Kleingruppe - der "face-to-face group" - angepaßte Moralsystem mit der Phänomenologie unserer Moral ("moral experience") aufs engste verbunden ist, können allerdings Bewertungen der moralischen Gültigkeit der Regeln nicht abgeleitet werden.

Eine Tradition, ein Regelsystem usf. dient unter anderem dazu, Informations- und Entscheidungskosten zu reduzieren. Deshalb darf das Verhalten, das einer Tradition folgt, zumindest in denjenigen Fällen, wo dies das Verhalten "effizienter" macht, als ein als-ob-rationales Verhalten interpretiert werden: der Handelnde verhält sich so, als ob er die Informations- und Entscheidungskosten kalkuliert hätte. So sieht der "economic approach" die Sache. Die Grundidee der Hayekschen Theorie der kulturellen Evolution (wir werden später darauf näher zurückkommen) ist, daß im Wettbewerb konkurrierender Regeln für Handlung und für Wahrnehmung, im Wettbewerb der Traditionen, institutionellen Rahmen usf. diejenigen selektiert werden, die der Gruppe, die diese Regeln praktiziert, mehr Nutzen als Kosten bringen, d. h. sie "erfolgreicher", "effizienter" machen. Im kulturellen Siebungsprozeß werden also Regeln, instituionelle Rahmen usf. selektiert, indem Gruppen selektiert werden. Institutionen entstehen als spontane Ordnungen, d. h. sie sind nicht geplant, nicht konstruiert worden, sondern sie stellen unbeabsichtigte Konsequenzen absichtlicher Handlungen dar. Diese Andeutungen müssen genügen, um die Entwicklung zur menschlichen Kleingruppe in bezug auf das ihr zugrundeliegende Regelsystem zu skizzieren.

Im kulturellen Siebungsprozeß hat sich für das Leben in der jagenden Horde und der Stammesgemeinschaft ein bestimmtes Regel- oder Moralsystem durchgesetzt, nicht weil es von jemanden gewählt oder konstruiert worden wäre, sondern weil es diese Sozialordnung ermöglichte und ihr angepaßt war. Dieses Moralsystem ist kollektivistisch. Die nomadische Jäger- und Sammlerhorde stellt ein egalitäres Stadium dar und das gleiche gilt von den Stammesgemeinschaften der dünn besiedelten Agrarkultur (low density farmers). Es könnte als "Solidaritäts-System" bezeichnet werden, denn es basiert auf Anteil-haben und Anteil-nehmen (sharing and caring), das der Kleingruppe, in der man sich berühren und daher rühren kann, angepaßt ist. Die Gruppe hat eine gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit (verbindliche Wahrnehmungsregeln). Daß es Alternativen geben könnte, wird nicht erkannt. Der Konsens ist vollständig. Die Gruppe hat gemeinsame konkrete Zielsetzungen. Auch hier sind Alternativen nicht denkbar, und eine Kritik der gemeinsamen Zielsetzung nicht zulässig. Jedes Gruppenmitglied hat sich der gemeinsamen Rangordnung der Bedürfnisse zu unterwerfen, und "Konsens" in diesem Sinne ist unverzichtbar. Für unabhängiges Handeln und für Privatheit besteht kein Raum. Der Primitive ist Kollektivist und dieses Moralsystem ist seinen Lebensverhältnissen nicht nur angepaßt, sondern mit einem anderen Regelsystem könnte er nicht überleben - weder als Gruppe noch als Individuum.

Die Anerkennung dieses Moralsystems in der Alltagspraxis durch sämtliche Mitglieder der Horde ist unentbehrlich für ihren Erfolg im Prozeß der Gruppenselektion durch Gruppenkämpfe. Das Individuum ist buchstäblich abhängig von bestimmten Personen, die es kennt und die es kennen. Das Trittbrettfahrerproblem tritt deshalb nicht auf, weil die Kosten, die für Normenübertretung zu erwarten sind, der Gruppenausschluß, viel zu hoch sind. Kurz, die Horde und die Stammesgemeinschaft stellen eine traditionsgesteuerte Sozietät dar, deren Normensystem notwendigerweise kollektivistisch ist. Die Mechanismen, die für Beibehaltung der sozialen Ordnung sorgen, sind persönliche Mechanismen - analog der sozialen Funktion des dominierenden Männchens im Affenrudel. Eine der Funktionen des Moralsystems ist es, die instinktive Aggressivität zu unterdrücken und sie gegen konkurrierende Gruppen zu kanalisieren, von denen man glaubt, daß sie der Realisation der für die Gruppe gemeinsamen Ziele im Wege stehen. Die soziale Ordnung ist stabil, aber auch rigid, und das Normensystem kann nur dann durch ein anderes ergänzt bzw. ersetzt werden, wenn öffentlicher und privater Lebensbereich unterscheidbar werden, und das ist wiederum nur dann möglich, wenn die Kleingruppe sich in Richtung auf eine Großgeseflschaft, eine abstrakte Gesellschaft bewegt. Die Ergänzung besteht darin, daß das Solidaritätssystem in bestimmten Handlungsbereichen durch ein System von abstrakten Regeln ersetzt wird.

2. Der Weg von der stammesgemeinschaftlichen Horde zur Großgesellschaft (abstract society) und damit zur Möglichkeit einer offenen Gesellschaft

Zur Evolution von Regelsystemen als spontanen Ordnungen

Alle Systeme die einer zunehmenden Anpassung fähig sind - wie sie z. B. im Erkenntnisfortschritt, in der Zunahme an Effizienz u. ä. zum Ausdruck kommt -, benötigen dazu Mechanismen für Variation, Selektion und Retention. Das Grundproblem einer Sozialität, die in einer sich verändernden Umwelt auf ihre Anpassungsfähigkeit angewiesen ist, ist daher das allgemeine Problem, die Sozialordnung zu erhalten und dennoch Raum und Anreize für die erforderlichen Innovationen zu bieten. Die stammesgemeinschaftliche Horde ist kollektivistisch und konformistisch; sie ist nicht anpassungsfähig. Dissidenten und Innovatoren werden verbannt. Wie ist es dann möglich, daß eine Entwicklung stattfindet? Vermutlich wird eine Veränderung im folgenden Fall möglich. Einem der verbannten "Innovatoren" gelingt es, einige Gruppenmitglieder mitzunehmen. Je mehr Sozialprestige der Betreffende besitzt (erworben durch sein Verhalten gemäß der Tradition), desto besser sind die Aussichten, daß seine Innovation von einigen Gruppenmitgliedern ernstgenommen wird. (Das gilt auch für die Wissenschaftsge schichte.) Wenn die Innovation der neuen Gruppe, die sie praktiziert, Vorteile bringt, dann kann es geschehen, daß sie nicht nur überlebt, sondern auch wächst, vor allem dadurch, daß andere die Erfolgreichen imitieren bzw. sich ihnen anschließen. (Ggf. nur weil sie als "erfolgreich" wahrgenommen werden - es ist nicht notwendig, daß man versteht, warum sie erfolgreich sind.) Der Schlüsselbegriff der Theorie, mit deren Hilfe v. Hayek die Entwicklung der Zivilisation (als einen singulären Trend) beschreibt und die Entstehung bestimmter Institutionen erklärt, ist der Begriff der "spontanen Ordnung" (des selbstorganisierenden Systems), den er in seinem bisher leider viel zu wenig beachteten Werk The Sensory Order (1952) entwickelt hat. Der Begriff "spontane Ordnung" ist wertfrei. Eine Ordnung, Institution u. ä. ist eine spontane Ordnung, wenn sie aus einem Evolutionsprozeß - Hayek bezeichnet ihn als den "kulturellen Siebungsprozeß" - hervorgegangen ist. Sie ist "spontan" hervorgegangen, weil sie ist nicht das Resultat bewußten Planens ist: niemand hat sie erfunden oder konstruiert, und es ist nicht einmal erforderlich, daß sie bei denen, die sie "tragen", beliebt ist. Kurz, eine spontane Ordnung stellt eine unbeabsichtigte Konsequenz absichtlicher Handlungen von Individuen und der Interaktion von Individuen dar. Ein sehr gutes Beispiel einer spontanen Ordnung ist die (natürliche) Sprache. So weit ist der Begriff der spontanen Ordnung mit Poppers Prinzip des methodologischen Individualismus vereinbar. Die Information, die im Wettbewerbssystem verwendet wird, ist Information, die einzelne Individuen besitzen. Nach Hayek ist jedoch der Ursprung eines Moralsystems nicht "individualistisch". Und m. E. spricht manches für die Vermutung, daß eine spontane Ordnung auch Eigenschaften besitzt, die sich nicht völlig auf individuelle Handlungen und Interaktionen von Individuen reduzieren lassen.

Das Grundschema Hayeks Theorie der Zivilisationsentwicklung ist also folgendes: In der kulturellen Entwicklung findet ein Wettbewerb konkurrierender Regelsysteme, Institutionen usf. statt; im kulturellen Siebungsprozeß werden diejenigen Ordnungsrahmen, Traditionen usf. selektiert, die diejenige Gruppe, die sie praktiziert, im Wettbewerb der Gruppen erfolgreicher machen als die mit ihr konkurrierenden Gruppen (die anderen Regelsystemen folgen). Kurz, Regelselektion erfolgt durch Gruppenselektion.

Der Entwicklung von der Horde zur Großgesellschaft liegt die Emergenz eines neuen Regelsystems zugrunde, das in bestimmten Bereichen das Moralsystem der Horde ergänzt bzw. ersetzt.

Die Entwicklung von der Horde zur Großgesellschaft wird dadurch möglich, daß sich in bestimmten Handlungsbereichen neben dem Moralsystem der Horde ein neues Regelsystem - als eine spontane Ordnung - herausbildet. Das setzt voraus, daß die betreffenden Handlungsbereiche von anderen unterscheidbar werden, d.h. daß die private-existentielle Sphäre unterscheidbar wird von Bereichen, die man mit dem Sammelnamen "öffentlich-politische Sphäre" bezeichnen könnte. Im "öffentlichen" Bereich - d. h. außerhalb der Intimgruppe - wird das Moralsystem der Horde ersetzt durch ein neues Regelsystem, ein System von abstrakten Regeln. (Und anstelle von persönlichen Stabilisierungsmechanismen treten unpersönliche Mechanismen.) Das abstrakte Regelsystem setzt sich durch, weil diejenige Gruppe, die im öffentlichen Bereich danach lebt, erfolgreicher wird als die Gruppe, die das Moralsystem der Horde in sämtlichen Handlungsbereichen weiterverwendet. Dazu ist es nicht erforderlich, daß jemand versteht, wie das funktioniert oder versteht, warum die Gruppe erfolgreicher ist als die mit ihr konkurrierenden Gruppen. Hayek sieht, wie bereits angedeutet, im Größenzuwachs das primäre Erfolgskriterium.

Die marktwirtschaftliche Ordnung als Antriebskraft dieser Entwicklung

Das paradigmatische Beispiel und gleichzeitig die Voraussetzung aller weiteren Entwicklung ist die marktwirtschaftliche Ordnung. Sie ist eine Voraussetzung für die Größenzunahme, denn sie vermag bei einem bestimmten Stand der Ressourcen mehr Menschen zu ernähren als jede andere Ordnung. Nur sie bietet eine Art Kalkül, das uns sagt, wie wir unsere Produktivkräfte verwenden müssen, um die Zahl der Menschenleben zu vergrößern, solange die einzelnen Menschen dies anstreben. Die marktwirtschaftliche Ordnung ist jedoch nicht nur Voraussetzung für die Großgesellschaft, sondern auch für die offene Gesellschaft, die freiheitliche Ordnung im Sinne der "extended society": "Der entscheidende Schritt, der eine friedliche Zusammenarbeit ermöglichte, ohne daß eine gemeinsame Zielsetzung besteht, war die Einführung von Tausch oder Handel." Deshalb nennt Hayek diese Ordnung ‘Katallaxie’, darauf anspielend, daß ‘katallatein’ nicht nur "tauschen" bedeutet, sondern auch "jemanden in die Gemeinschaft aufnehmen" und "aus einem Feind einen Freund machen".

Vorbedingung für diese Entwicklung ist die Institution des Sondereigentums und die Verschiedenheit der Menschen. Die Differenzierung, die die kulturelle Evolution hervorgebracht hat, ist viel durchgreifender als die durch die biologische Evolution der Spezies entstandene. Hayek betont, daß die moderne Großgesellschaft dadurch möglich wurde, daß Leute sehr verschieden sind, verschiedene und komplementäre Fähigkeiten besitzen. Dies macht Spezialisierung rational und so ist es nicht erstaunlich, daß Arbeitsteilung, Sondereigentum und Handel bereits seit dem Archäolithikum bestehen. Unabhängig von Hayek, aber in völliger Übereinstimmung mit ihm, betont D. T. Campbell, daß die kulturelle Evolution "eine graduelle Akkumulation adaptiver Handlungsweisen und Praktiken ist, die durch unabsichtliche, blinde und selektive Retention zustande gekommen sind."

Das Regelsystem, das der marktwirtschaftlichen Ordnung zugrundeliegt ist ein System abstrakter Regeln. Eine Großgesellschaft ist notwendigerweise eine anonyme Gesellschaft. Deshalb müssen die Mechanismen, mit deren Hilfe die Sozialordnung aufrecht erhalten wird, unpersönliche Mechanismen und die Regeln, die den institutionellen Rahmen bilden, abstrakte Regeln sein. Daher ist die Bezeichnung "abstrakte Gesellschaft" treffend. Beispiele dieser abstrakten Regeln sind das Respektieren von Sondereigentum, Ehrlichkeit, Vertragstreue, usf. Die Katallaxie, das Musterbeispiel einer spontanen Ordnung, entsteht (oder, besser gesagt, sie "kristallisiert sich heraus" - im Sinne von "emerges") nur aus dem Prozeß des freiwilligen Tausches bzw. Handels durch Individuen, durch die Marktteilnehmer.

An der marktwirtschaftlichen Ordnung kann exemplarisch gezeigt werden, daß Hayeks These vom Primat der spontanen Ordnung (Primat gegenüber bewußtem Konstruieren) sich auf erkenntnistheoretische Überlegungen stützen kann. Es ist eine der wichtigsten Entdeckungen von Hayek, daß die marktwirtschaftliche Ordnung vor allem ein Entdeckungs- und Informationssystem ist. Nun kann auch erklärt werden, warum es prinzipiell unmöglich ist, die Ergebnisse der Wettbewerbswirtschaft durch zentrale Planung zu simulieren, und daß zentrale Planung immer weniger effizient ist als Marktwirtschaft - und zwar aus epistemologischen Gründen. Das Wissen, das in den Marktpreisen seinen Ausdruck findet und in Marktprozessen verarbeitet wird, ist nämlich 1. lokales Wissen über sich ständig ändernde Umstände von Zeit und Ort, 2. Wissen, das über Millionen von Marktteilnehmer verstreut ist und 3. Wissen, das zumindest teilweise ein Wissen und Können (Fingerspitzengefühl, Sensibilitäten bestimmter Art, usf.) darstellt, das die einzelnen Marktteilnehmer selbst nicht imstande wären zu formulieren ("tacit knowledge"). Man könnte m. E. noch folgende Überlegung hinzufügen: Die potentiellen Marktteilnehmer selbst können nicht wissen, was ihre Entscheidungen sein werden, bevor sie in den Marktprozeß eingetreten sind. Also könnte auch kein "Pascalscher Superintellekt" die Ergebnisse simulieren. Je komplexer die Produktionsstruktur, desto illusorischer ist der Glaube, eine Zentralstelle könne sich ein genügend adäquates Bild von allen Produktionsmöglichkeiten und relevanten Umständen machen, d. h. desto aktueller ist Hayeks These. Da es die Hauptfunktion des Marktes ist, den Marktteilnehmern zu sagen, was sie tun sollen, um ihre Ressourcen, einschließlich ihres Könnens, ihres lokalen Wissens usf. so einzusetzen, daß sie möglichst viele ihrer Ziele realisieren, ist diese gesamte Ordnung auf die Zukunft gerichtet. Bereits aus diesem Grund sind Prädikate wie "gerecht" und "ungerecht", die sich auf erbrachte Leistungen auf Taten, Unterlassungen usf., also auf die Vergangenheit beziehen, auf die Ergebnisse des Marktes nicht anwendbar.

Zwischen der Institution des Sondereigentums und dem Wohlstand der Nation besteht ein Kausalzusammenhang. Die Aufrechterhaltung der Institution des Sondereigentums verursacht dem Staat verhältnismäßig geringe Kosten, und die Gesellschaft profitiert davon, daß der Staat Sondereigentum und Verträge schützt. Es ist gewiß kein Zufall, daß diejenigen Staaten, die in ihrer Verfassung das Eigentum des Bürgers auch gegen Zugriffe des Staates garantieren, die reichen Länder sind. Denn, wer würde schon z. B. in Kapitalgüter (die für die Produktion unerläßlich sind) investieren, wenn Gefahr bestünde, daß ihm sein Eigentum durch behördliche Übergriffe wieder weggenommen werden könnte. So trägt die Institution des Sondereigentums direkt zum Wohlstand der Gesellschaft bei.

Das abstrakte Moralsystem hätte sich nicht herausbilden können, wenn es nicht durch übernatürliche Erklärungen legitimiert worden wäre.

Das Normensystem, das die abstrakte Gesellschaft ermöglicht hat - man könnte es vielleicht im Gegensatz zum Moralsystem der Horde "das abstrakte Moralsystem" nennen -, stellt eine spontane Ordnung dar. Es ist also eine unbeabsichtigte Konsequenz absichtlicher Handlungen, es ist nicht erfunden, nicht bewußt konstruiert worden. (Daraus folgt auch, daß die Vertragstheorien der Gesellschaft irreführende Fiktionen sind.) Hayek betont auch, daß wir dieses abstrakte Moralsystem nicht "lieben", da es uns zwingt, unsere "Instinkte", die mit dem Moralsystem der Horde, der Gruppe, in der jeder jeden kennt (face-to-face group), aufs engste verbunden sind, zu unterdrücken (wie auch das Solidaritätssystem gewisse Triebe unterdrückt). Die Einschränkungen, die es uns auferlegt, bestehen allerdings nur in Form von abstrakten Regeln und sie zwingen uns nicht, bestimmte konkrete Zielsetzungen auf, wie das Moralsystem der Horde es tut. Hayek betont, daß es dafür, daß eine Gruppe erfolgreicher ist als andere, weil sie einen bestimmten institutionellen Rahmen in der Praxis anerkennt, einer bestimmten Tradition folgt usf., keinesfalls notwendig ist, daß jemand in der Gruppe versteht, warum sie erfolgreicher ist als die mit ihr konkurrierenden Gruppen, oder gar versteht, wie das Regelsystem, dem die Gruppe den Erfolg verdankt entstanden ist. Der Mensch ist sehr gegen seinen Willen zivilisiert worden und ohne daß er viel von diesem Prozeß verstanden hat. Deshalb ist es - wie Hayek zu Recht behauptet - notwendig gewesen, die grundlegenden abstrakten Normen zu "rationalisieren", d. h. sie durch übernatürliche Erklärungen zu legimitieren, die dem Andersgläubigen als Aberglauben erscheinen müssen, und den Agnostiker jedenfalls von ihrer Wahrheit nicht zu überzeugen vermögen. Der Mensch verdankt seine Zivilisation also jedem der zahllosen verschiedenen Aberglauben, die seine Phantasie erfunden hat". Unabhängig von Hayek, aber in völliger Übereinstimmung mit ihm, weist D. T. Campbell auf die menschliche Leichtgläubigkeit für übernatürliche Vorstellungen, die einer Gruppe gemeinsam sind - und ihre Art von Weisheit - hin. "Abergläubische Stämme können Glaubenssysteme entwickeln, die - auf der funktionalen Ebene - weiser sind als die Individuen, die sie tradieren."

Im Wettbewerb der Religionen konnten sich nur diejenigen durchsetzen, bewähren, deren Ethik für die profane Masse der Bevölkerung die Institutionen der Familie (in verschiedenen Formen, denn entscheidend ist das Moment der Verantwortung) und des Sondereigentums hochhielten. Die christliche Religion erscheint als eine der historischen Randbedingungen ohne die es zur Entwicklung der westlichen Zivilisation nicht gekommen wäre. Diese hat sich nur in dem Gebiet der Welt entwickelt, "in dem schon vor mehr als 2000 Jahren die Institution des Sondereigentums vollkommen entwickelt war".

Wenn man sich im Gedankenexperiment einen echten Wettbewerb der Religionen vorstellt, an dem auch die Pseudo-Religion des Marxismus (die "réligion séculière" [R. Aron] par excellence) teilnimmt, dann müßte gemäß Hayeks These, diese Pseudo-Religion, die die Institution des Sondereigentums bekämpft, durch den kulturellen Siebungsprozeß allmählich eliminiert werden. Nun ist es allgemein bekannt, daß die im Namen von Weltverbesserung gewalttätige Ideologie im Machtbereich des kommunistischen Totalitarismus, wo sie zur Staatsreligion erklärt wurde, ihre mobilisierende und legitimierende Kraft tatsächlich längst verloren hat. Unter westlichen Intellektuellen hat sie jedoch nach wie vor einen rezeptiven Markt. Vermutlich deshalb, weil sie in dem Milieu, in dem diese Intellektuellen leben und in dem sie die repressive Toleranz recht tolerabel finden können, dem strengen Test der Praxis und damit der Wirkung des Selektionsprinzips gar nicht ausgesetzt ist.

Von der gemeinsamen Zielsetzung, die für die stammesgemeinschaftliche Horde notwendig ist, zur pluralistischen, freiheitlichen Ordnung, die verschiedene individuelle Zielsetzungen erlaubt (extended order of a free society)

Erst die marktwirtschaftliche Ordnung hat den Menschen die Einsicht gebracht, daß sie miteinander in Frieden leben können ohne über ein gemeinsames Ziel übereingekommen zu sein, daß ein solcher Konsens gar nicht notwendig ist, damit sie zusammenarbeiten und aus ihren gegenseitigen Bemühungen Nutzen zie hen können, daß es möglich ist, die friedliche Ordnung weit über die Kleingruppen, die durch ein gemeinsames Ziel zusammengehalten werden, hinaus auszudehnen (eine "extended order" zu bilden). Der Markt bzw. Tauschprozeß, der innerhalb der Regeln des Sondereigentums, des Vertragsrechts usf. gesichert ist, ermöglicht es Individuen, die von ihrer gegenseitigen Existenz nichts wissen, ihre Bemühungen dennoch aufeinander abzustimmen. Sie dienen Menschen, die sich nicht kennen, und profitieren von den Leistungen anderer Menschen, denen sie gleichfalls unbekannt sind. Eine gemeinsame Zielsetzung, wie sie für den Zusammenhalt der kleinen Horde notwendig war, ist nun nicht mehr erforderlich. Im Gegenteil, die abstrakte Gesellschaft profitiert davon, daß die einzelnen Individuen verschiedene Zielsetzungen haben. Sie braucht keine gemeinsame Zielsetzung, abgesehen von der rein instrumentellen, daß es ein gemeinsames Interesse ihrer Mitglieder ist, die abstrakte Ordnung zu erhalten, die für jeden die Chancen erhöht, seine respektiven Ziele zu realisieren. Die friedliche Ordnung wird nicht durch einen Konsens über Ziele oder gar Auffassungen möglich gemacht, sondern im Gegenteil dadurch, daß verschiedene Auffassungen toleriert werden und den Bürgern erlaubt wird, an der Realisierung verschiedener individueller Zielsetzungen zu arbeiten.

Die Einschränkungen der Freiheit, die durch eine spontane Ordnung erfolgen, haben die Form abstrakter Regeln, niemals die Form von obligatorischen konkreten Zielen, die jeder zu akzeptieren hat. Der rechtliche Rahmen, der auch für die marktwirtschaftliche Ordnung eine notwendige Voraussetzung ist, macht es möglich, Gewaltanwendung auf die Beachtung der negativen Regeln des gerechten Verhaltens zu beschränken. Diese Einschränkung sowie die marktwirtschaftliche Ordnung sind Bedingungen der Möglichkeit einer Gesellschaft freier Menschen. Die politischen Institutionen sind jetzt so eingerichtet, daß die individuellen Freiheitsrechte innerhalb des rechtstaatlichen Rahmens auf solche Weise sichergestellt werden, daß das für alle geltende Gesetz die Freiheit jedermanns so einschränkt, daß dadurch die Freiheit aller maximiert wird. Wenn die marktwirtschaftliche Ordnung zerstört wird, wird damit schließlich auch die individuelle Freiheit zerstört.

Die abstrakte Gesellschaft bietet viele Vorteile. Obwohl das Individuum im Kontext einer Ultra-Sozialität lebt, vom Funktionieren der Arbeitsteilung abhängig ist, so ist es doch nicht mehr von bestimmten Personen abhängig. Es kann sein überleben und seine Wohlfahrt dadurch sichern, daß es eine Funktion ausübt, und es kann Dienstleistungen kaufen. Dadurch ist seine Freiheit wesentlich erhöht worden.

Falls es außer Stande ist, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, kann es in den westlichen Demokratien damit rechnen, daß ihm dennoch ein "ausreichendes" Lebensniveau garantiert wird. Mit dieser Behauptung wird das Problem aufgegriffen, wie weit der Staat in der Versorgung der armen Bürger gehen soll. Zumindest einige Überlegungen dazu sollen angedeutet werden. Wissen darüber, wann Leute Versicherungen kaufen und wie sich der "moral hazard" im Versicherungsmarkt auswirkt, können konkrete Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser Frage liefern, z. B. der Frage, wie hoch eine negative Einkommensteuer zu bemessen sei. Vom Versicherungsmarkt her ist das Phänomen der "negativen Risikoauswahl" ("adverse risk selection") bekannt: es ist um so wahrscheinlicher, daß jemand eine Versicherung kauft, je mehr er es für wahrscheinlich hält, daß ein Versicherungsfall eintreten wird. (Z. B. je unsicherer jemand bezüglich seiner Qualifikationen als Arbeitnehmer ist, desto mehr wird er an einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit interessiert sein.) Da der Markt aufgrund dieses Phänomens bestimmte Arten von Versicherungen nicht liefern kann, ist ein gewisses Ausmaß von sozialer Sicherung unerläßlich. Sie könnte durch eine Zwangsversicherung, sei es staatlich oder privatwirtschaftlich organisiert, erstellt werden. Bei der Überlegung wie weit man gehen soll, sind zwei wichtige, miteinander verbundene Fakten zu bedenken. Erstens, daß das Einkommen, das umverteilt werden soll, erst erwirtschaftet werden muß, weshalb das Funktionieren der Marktwirtschaft und der Privatindustrie (von der in nicht-totalitären Staaten die meisten Einkünfte kommen), materielle Voraussetzungen für die Durchführung wohlfahrtsstaatlicher Ambitionen sind. Zweitens, die Transferzahlungen beeinflussen die Anreize für Arbeitseinsatz und Sparen negativ und zwar sowohl was diejenigen betrifft, mit deren Steuern die Transfers finanziert werden, als auch was die Transferempfänger betrifft. Die erstgenannten, weil Anreize reduziert oder (wie im Fall Schwedens) zerstört werden. Die letztgenannten aufgrund des Phänomens, das in der Versicherungswirtschaft als "moral hazard" bekannt ist: die Wahrscheinlichkeit, daß der Versicherungsfall eintritt, wird durch das Bestehen der Versicherung erhöht. Z. B. jemand, der sich durch eine Versicherung gedeckt meint, wird weniger vorsichtig sein als er es sonst gewesen wäre. Im fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaat führt dies zur Infantillsierung: der "betreute Mensch" (H. Schelsky) macht den Staat für alles verantwortlich. Wie durch Umverteilungseifer und Verletzung des Subsidiaritätsprinzips Anreize zu Arbeit und Sparen zerstört werden, führen die Wohlfahrtsstaaten - allen voran Schweden - der Welt vor. Das schwedische Beispiel zeigt, wie die Spirale von Wahlversprechen, Finanzieren der Versprechen durch Besteuerung, die mit konfiskatorischen Steuern verbundene Erhöhung der Anreize für nicht-konformes Verhalten beim Steuerzahler, zu ständig neuen Gesetzen und Erlässen führt, die die Kontrolle verstärken und die Kosten für nicht-konformes Verhalten erhöhen sollen, und die schließlich den Rechtsstaat unterminieren und im Begriff sind, ihn zu zerstören ?

Die abstrakte Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Ordnung hat zumindest die Möglichkeit der offenen Gesellschaft eröffnet, einer Sozialordnung, die für den Durchschnittsbürger ein Maß an persönlicher Freiheit und Wohlstand gebracht hat, das in allen anderen Gesellschaftsformen nicht einmal vorstellbar ist. Ob die offene Gesellschaft erhalten bleibt und verbessert werden kann - denn sie ist wie alles andere verbesserungsbedürftig - hängt davon ab, ob diejenigen, die das Glück haben, in ihr zu leben, bereit sind, sie zu verteidigen, sie nach außen und vor allem auch nach innen zu verteidigen. "Gesetz und Eigentum, und damit die Möglichkeit friedlichen Handels und Wandels, können nur so lange erhalten bleiben wie Individuen bereit sind, zu ihrer Verteidigung auch Gewalt einzusetzen."

II. Einige offene Fragen

Gelöste Probleme führen zu neuen Problemen. Wie Karl Popper es ausdrückt: "Erst ein Wissen bringt ein Nicht-Wissen zu Bewußtsein". Kreative Kritik an vorgeschlagenen Problemlösungen gehört ebenso zum Forschungsprozeß wie das Problemlösen selbst. Im Folgenden will ich einige Probleme anschneiden, die mir wichtig erscheinen.

1. Zur Explikation von "erfolgreicher als"

Im kulturellen Siebungsprozeß werden diejenigen Regeln selektiert, die der Gruppe, die sie adoptiert / praktiziert, mehr Nutzen als Kosten einbringen, die sie erfolgreicher als ihre Konkurrenten machen. Der Begriff "erfolgreicher als" kann selbstverständlich nicht dadurch geklärt werden, daß auf den Umstand hingewiesen wird, daß eine bestimmte Gruppe sich gegenüber anderen durchgesetzt hat. Ein solches Verfahren wäre zirkulär. Hayek bietet als Explikat die Größenzunahme der Gruppe an, durch Zustrom und dadurch, daß andere die Erfolgreichen imitieren. Wie adäquat ist das Explikat, wie weit reicht sein Applikationsgebiet, und welche Annahmen liegen der Explikation zugrunde?

Die Menschheit hat 3 bis 4 Millionen Jahre in jagenden und sammelnden Horden gelebt, deren Größe sich wenig änderte. Es ist die Zeit der biologischen Evolution. Paläoontologen (z. B. C. Bresch) erklären das einzigartige Tempo der Gehirnentwicklung mit Gruppenselektion durch Gruppenkämpfe. Die erfindungsreichere Gruppe ist erfolgreicher als ihre Konkurrenten, und rückkoppelnd entstehen Selektionsvorteile für diejenigen Gene, die Gehirne herstellen können, die bessere Problemlösungsleistungen erbringen als jene der Konkurrenten. Die kulturelle Evolution findet in einer verhältnismäßig sehr kurzen Periode statt. Interessanterweise erfolgte eine drastische Zunahme der Lebensspanne der Spezies Mensch erst in den letzten 100 000 Jahren und zwar parallel zur Entwicklung der Sprache. Genetiker führen diese Erhöhung der Lebensspanne (nicht nur der durchschnittlichen Lebenserwartung) auf einen kulturellen Selektionsprozeß zurück, in dem das Genom erheblich verbessert wurde - denn unsere hocheffizienten Enzyme haben wir nicht schon "immer" besessen - und nehmen an, daß für die rasche Verbreitung günstiger Mutationen Gruppenkämpfe und Polygamie (als Form der Familie) wesentlich waren (daß Krieg und Vielweiberei die entscheidenden Faktoren waren). Die seßhafte Agrarkultur ist nur etwa 10 000 Jahre alt. In den letzten 500 Jahren hat sich die Menschheit mit einem Faktor von 200 vermehrt. Hayek argumentiert, daß diese enorme Bevölkerungszunahme nur dank der marktwirtschaftlichen Ordnung möglich wurde und daß tatsächlich der Kapitalismus das Proletariat hervorgebracht hat, in dem Sinne, daß das Proletariat dem Kapitalismus sogar seine Existenz verdankt. Ohne diesen Ordnungsrahmen wäre die Bevölkerungszunahme nämlich gar nicht möglich gewesen. Das Durchschnittseinkommen ist während der Industrialisierungsperiode gesunken, aber ohne daß jemand schlechter gestellt wurde; es ist gesunken, weil die Schichten mit niedrigem Einkommen viel schneller zunahmen als die übrigen Schichten.

Hayeks Explikat scheint die Annahme zugrundezuliegen, daß im Gruppenwettbewerb die Gruppengröße ein wesentlicher bis entscheidener Faktor ist. Für die kulturelle Evolution in der Zeit der handwerklichen Techniken ist die Annahme eines Kausalzusammenhangs zwischen Gruppengröße und Macht, als starke Vereinfachung, plausibel. Für die wissenschaftlich-technische Zivilisation gilt sie nicht mehr. Größenzuwachs kann sogar zur Belastung werden (Beispiel Rotchina): wenn die "schlechteren" Elemente (die weniger leistungsfähigen, weniger verläßlichen usf.) schneller wachsen als die "besseren", kann sie Nachteile bringen, us.f. Zu beachten ist, daß Hayeks Thesen hier rein beschreibend sind.

Der Begriff "erfolgreicher als" ist ein mehrstelliges Prädikat: x ist erfolgreicher als y in Hinsicht z, bei Zeithorizont t (im Ausmaß r bzw. in signifikantem, hohem, niedrigen usf. Grad.). Ein Vergleich ist nur dann sinnvoll, wenn die Vergleichsdimension angegeben ist und die Problemsituation einschließfich des Zieles für die Wettbewerbstellnehmer ein und dieselbe ist. Im technischen Zeitalter ist eine objektive und gewiß relevante Vergleichsdimension "erfolgreicher in bezug auf das industrielle-wirtschaftliche Potential" (innerhalb des Zeithorizontes, der sich aus dem Zweck ergibt, zu dem der Vergleich angestellt wird). Zur Erhöhung des industriellen-wirtschaftlichen Potentials ist es erforderlich, erstens, ein entsprechendes Humankapital zu beschaffen, durch Ausbildung bzw. auch dadurch, daß durch entsprechende Anreize Hochqualifizierte attrahiert und motiviert werden, und, zweitens, dieses Humankapital effizient zu nutzen. Dazu braucht man eine rationale Forschungs- und Technologiepolitik sowie eine rationale Wirtschafts- und Industriepolitik. Ein System (eine Nation usf.) ist in dieser Hinsicht erfolgreicher als seine Konkurrenten, wenn es sich den sich ständig verändernden Umweltbedingungen (der Nachfragesituation am Weltmarkt usf.) rascher und mit geringen Kosten (Sozialkosten u. a.) anpassen kann als die Konkurrenten. Die Katallaxie bietet auch hierbei das beste bekannte Entdeckungs- und Informationssystem. Außerdem muß das System, um erfolgreich zu sein, innovativ sein, und deshalb muß es auch die institutionellen Voraussetzungen für Kreativität in Forschung und Technik, in der Wirtschaft usf. schaffen. Es darf den erforderlichen Strukturwandel der Wirtschaft nicht behindern, d. h. es darf die Selektionsmechanismen nicht außer Funktion setzen - etwa durch Kartelle, Gewerkschaften, durch Subventionen und anderen Regierungsmaßnahmen. Es muß das Risikokapital fördern usf. All das ist wohlbekannt. In der Moderne wird militärische Macht wesentlich vom industriell-wirtschaftlichen Potential abhängen, aber keinesfalls nur davon (Beispiel, das heutige Japan).

Nun ist für die komparative Bewertung instituioneller Ordnungsrahmen, Organisationsformen usf. die "Rational Choice" Theorie zuständig. Hayeks Theorie der Zivilisationsentwicklung dagegen beschreibt und erklärt, wie es überhaupt zu unserer Zivihsation gekommen ist, und ohne diese Theorie könnten wir das Funktionieren der abstrakten Gesellschaft nicht verstehen. Auch hier zeigt es sich, daß die beiden Ansätze einander ergänzen.

2. Das Verhältnis des Begriffs "spontane Ordnung" zu Wertproblemen

Der Begriff "spontane Ordnung" ist wertfrei. Wird eine bestimmte Ordnung als eine spontane Ordnung beschrieben, dann folgt daraus keinerlei Bewertung des erreichten Zustandes oder der Entwicklung. Daher kann eine bestimmte Ordnung, auch wenn sie spontan entstanden ist, nach den Wertmaßstäben der offenen Gesellschaft, der klassischen liberalen Ordnung, als negativ bewertet werden. Ein Beispiel kann das illustrieren. Wenn man annimmt: (a), daß der West-Ost-Technologietransfer eine der Hauptquellen der expansionistischen Stoßkraft der Sowjetunion ist und (b), daß sich die Staaten der freien Welt nicht über geeignete Embargo-Maßnahmen einigen können, dann ist damit eine Art Ordnung entstanden, die für die westlichen Nationen eine unbeabsichtigte Folge absichtlicher Handlungen darstellt: eine spontane Ordnung, die vom Standpunkt der freien Gesellschaft, der klassischen liberalen Ordnung, negativ zu bewerten ist. Es bestehen dann nämlich gute Gründe für die Vermutung, daß durch einen natürlichen Selektionsprozeß die freien Nationen ausselektiert, eliminiert werden und die To talitären sich durchsetzen. Das Beispiel zeigt außerdem, daß es Entwicklungen gibt, die das Resultat eines Selektionsprozesses sind, und die dennoch nur mit dem "Rational Choice" Modell erklärt werden können, denn Prämisse (b) kann mit Hilfe des "Prisoners’ Dilemma" erklärt werden.

Obgleich der Begriff "spontane Ordnung" wertfrei ist, so bestehen doch gute Gründe für die Annahme, daß bei einem Ordnungsrahmen, der eine spontane Ordnung darstellt, die Aussichten dafür, daß die individuellen Freiheitsrechte gewahrt bleiben, weit besser sind als bei einem institutionellen Rahmen, der sich nicht spontan ergeben hat, sondern Ergebnis bewußten Konstruierens ist. Denn es ist höchstwahrscheinlich, daß eine konstruierte Ordnung Zwänge einführen wird, die weit über die Einschränkung der Gewaltanwendung auf die Beachtung der negativen Regeln des gerechten Verhaltens hinausgehen. Im Zeitalter der modernen Technik und Kontrollmethoden werden konstruierte Ordnungen eine immanente Tendenz zur Entwicklung in Richtung auf ein totalitäres System aufweisen.

Der Begriff "spontane Ordnung" ist wertfrei. Aber innerhalb, und nur innerhalb, bestimmter spontaner Ordnungen darf angenommen werden, daß das Gesamtresultat vom Wertstandpunkt des klassischen Liberalismus, der offenen Gesellschaft, als positiv zu bewerten ist. Das Musterbeispiel ist wiederum die Katallaxie. Innerhalb der marktwirtschaftlichen Ordnung führen die Handlungen, mit denen die einzelnen Marktteilnehmer ihre eigenen Ziele (im Rahmen der rechtlichen Normen bzw. des "abstrakten Moralsystems") verfolgen, zur unbeabsichtigten Konsequenz, daß dadurch als Gesamtergebnis der Wohlstand der Nation erhöht wird.

In den erwähnten und in ähnlichen Fällen ist es erforderlich, daß das Wertsystem, von dem aus Entwicklungen und deren Ergebnisse bewertet werden, explizit angegeben wird. Denn nur, wenn die Wertprämissen explizit formuliert sind, können sie rational kritisiert werden.

3. Tradition und die Möglichkeit externer Kritik

Hayeks Gesamtphilosophie zeigt m. E. eine etwas delikate Balance zwischen Traditionalismus und Kritizismus - zumindest bei bestimmten Interpretationen. Traditionen, die sich im kulturellen Siebungsprozeß bewährt haben, erfüllen ihre Entlastungsfunktion. Sie reduzieren Informations- und Entscheidungskosten und stellen so den Handelnden frei für wichtige Entscheidungsprozesse. Sie sind unentbehrlich, angefangen von der "Meta-Tradition" der Sprache. Andererseits ist die kritische Prüfung aller Positionen einschließlich Traditionen, Institutionen usf. ein Gebot der Rationalität, denn Problemlösen und Erkenntnisfortschritt sind nur durch das ständige Zusammenwirken von Kreativität und Kritik möglich. Für den Anfänger von Hayeks politischer Philosophie ist es genauso wie für den kritischen Rationalisten Popperscher Prägung eine ständige Aufgabe, kritisch zu prüfen, ob die auf uns gekommenen Institutionen, Traditionen, Ordnungsrabmen usf., wenn sie mit dem Wertmaßstab des klassischen Liberalismus, der offenen Gesellschaft, bewertet werden, einer solchen Bewertung auch standhalten. Die offene Gesellschaft, die freiheitliche Ordnung (extended order of a free society) wird von Hayek wie von Popper als Wertmaßstab gesetzt.

Schwierigkeiten treten hier auf durch die Gefahr der Totalisierung von Tradition. Diese Gefahr ist mit der Renaissance des Relativismus akut geworden. Die wichtigste Inspirationsquelle des Relativismus dürfte die Spätphilosophie Wittgensteins sein, die Philosophie der "Lebensformen" oder "Sprachspiele", deren Einfluß auch in der Wissenschaftstheorie, z. B. bei Thomas Kuhn, Paul Feyerabend usw. usf. unübersehbar ist. Es handelt sich um eine Art von Fideismus: ein letztes dogmatisches Engagement sei unvermeidbar, deshalb legitim. Popper hat diese Position als "the myth of the framework" - Mythos von der Unkritisierbarkeit der Lebensform - bezeichnet. Dieser Mythos behauptet, daß die "Lebensform", der Traditions-Rahmen, in dem wir leben, gar nicht kritisierbar ist, nämlich deswegen, weil er die Standards der Kritik setzt. Wenn wir eine bestimmte Art von Aktivität betreiben wollen, dann - so behauptet dieser Mythos - müßten wir die für diese "Lebensform" grundlegenden Standards unkritisch akzeptieren. Das gilt nicht nur für die Theologie (Beispiel K. Barth), sondern auch für die Wissenschaft (Beipiel: Sir Alfred Ayer, H. Putnam usf. bezüglich der induktiven Methode). Nun gibt es Interpreten, die Hayeks Position so darstellen, als ob sie in dieser Beziehung mit der Wittgensteinschen Philosophie der "Lebensformen" übereinstimmen würde. Z. B. John Gray, ein hervorragender und verläßlicher Interpret von Hayeks Position, schreibt Hayek eine solche Auffassung zu: die Tradition, die für unser gesellschaftliches Leben konstitutiv sind, können nicht kritisiert werden, weil sie die Standards der Kritik stellen: "sie sind uns einfach gegeben und wir müssen sie akzeptieren."

Die Anhänger Poppers und W. W. Bartleys sehen eine Grundbedingung der Rationalität darin, daß alle Positionen (Theorien, Kriterien, usw. usf.) prinzipiell für Kritik offen gehalten werden. Nichts darf dogmatisiert werden. Da die Furcht, daß der Selbstbezug des kritischen Rationalismus zu semantischen Paradoxen führen müßte, unbegründet ist, besteht keine Veranlassung, aus logischen Gründen etwas zu doginatisieren.

Aus diesen Überlegungen ergibt es sich, daß die wichtige Frage folgende Frage ist: Wann ist es rational, eine bestimmte Position (Theorie, Tradition, Kriterium, usf.) zu problematisieren, zu kritisieren? Die Antwort lautet m. E.: Es ist rational, nichts zu dogmatisieren, d. h. prinzipiell alles für Kritik offen zu halten, aber nur dann zu kritisieren, wenn eine konkrete Veranlassung dazu vorliegt - prudenter dubitare. Bei der Entscheidung, ob ein solcher Fall vorliegt, müssen bereits wegen der Knappheit der Ressource Zeit auch die geschätzten Alternativkosten in Betracht gezogen werden. Deshalb ist für diese Entscheidungsprozesse das "Rational Choice" Modell zuständig.

Veranlassung zu einer internen Kritik besteht immer dann, wenn in einer Theorie, in einem Moralsystem usf. Inkonsistenzen vorliegen. Daß bei einem Argument immer viel vorausgesetzt werden muß, ist kein Hindernis für Kritik, denn die einzelnen Prämissen können ggf. in anderen Argumenten problematisiert werden. Wenn wir bestimmte Komponenten unseres institutionellen Rahmens, unserer Moralregeln usf. kritisieren, dann setzen wir andere Teile unserer Moral-Tradition als Ausgangspunkt voraus. (Das gleiche gilt aber auch, wenn wir ein Element eines logischen Systems kritisieren wollen: wir können das nur mit Hilfe anderer Teile der Logik tun.)

Wann ist eine externe Kritik eines institutionellen Rahmen, einer Tradition usf. möglich und wann ist sie zweckmässig? Eine Tradition oder ein Element einer solchen ist extern kritisierbar, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: (a) Eine konkurrierende Tradition ist vorhanden, zumindest als Denkalternative (d. h. in Form einer abstrakten Entität [Poppers Welt-3]; (b) der Bewertungsmaßstab, von dem aus eine Bewertung vorgenommen werden soll, ist explizit formuliert worden. (Im vorliegenden Fall ist der Wertmaßstab der klassische Liberalismus, die Idee einer Gesellschaft freier Menschen.) (c) Es ist "genügend" Wissen über die zu kritisierende Tradition, Institution usf. vorhanden. Nun sind laut Hayek eine Tradition, ein institutioneller Rahmen, ein Moralsystem usf. spontane Ordnungen, d. h. sie sind nicht erfunden oder bewußt konstruiert worden; sie werden oft von uns nicht "geliebt", und wir durchschauen sie nicht oder nur sehr partiell. Nur in Retrospekt können wir erkennen, daß dieser Ordnungsrahmen - das abstrakte Normensystem mit marktwirtschaftlicher Ordnung usf. - Vorbedingung dafür ist, daß wir unsere Zivilisation erhalten und weiterentwickeln können. Dank Hayeks Theorie der Entwicklung der Zivilisation haben wir diese retrospektive Einsicht gewonnen. Damit stellt sich die m. E. zentrale Frage: Reicht diese Einsicht aus, um festzustellen, welche Elemente des ererbten institutionellen Rahmens bewahrt werden und welche geändert werden sollen? Reicht sie aus, um zu entscheiden, was wir bewahren und was wir modifizieren sollen, wenn wir möglichst viel vom Ideal der Gesellschaft freier Menschen verwirklichen wollen?

III. Bemerkungen zu den Politischen Implikationen von Hayeks Theorie der Zivilisationsentwicklung

1. Die Kosten der offenen Gesellschaft freier Menschen

Die offene Gesellschaft bietet enorme Vorteile. Aber wie alles hat sie auch Kosten. Weder die abstrakte Gesellschaft noch die offene Gesellschaft kann die "Instinkte" und Emotionen, die dem Leben in der kleinen Horde angepaßt sind und den moralischen Intuitionen und Emotionen entsprechen, die wir in der frühesten Kindheit internalisiert haben, zufriedenstellen. Selbstverständlich sind Kleingruppen (face-to-face groups) in die abstrakte Großgesellschaft eingestreut: Familie, Freundeskreis usf. Offensichtlich ist das für viele nicht genug. Sie sehnen sich nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, nach Identifikation mit einer "Sache". Wie stark die Sehnsucht ist, zur emotionellen Wärme der stammesgemeinschaftlichen Horde zurückzufinden, wird von Hayek eindrucksvoll dargestellt: "Sie (diese Sehnsucht) zeigt sich deutlich, wenn manchmal sogar der Ausbruch eines Krieges als etwas Positives empfunden wird, weil er die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Ziel erfüllt; und in der Moderne manifestiert sie sich am deutlichsten in den beiden größten Bedrohungen der freien Zivilisation: dem Nationalismus und dem Sozialismus."' In beiden sieht Hayek mit Recht atavistische Regungen. Die akute Gefahr für die freiheitliche Ordnung besteht vor allem in der Selbstgefährdung der offenen Gesellschaft durch Totalisierung der Ideen des klassischen Liberalismus, dadurch, daß diese Ideen zu sozialistischen Ideen "umfunktioniert" werden. Sie führen dann zu Bestrebungen, die Evolution unserer Zivilisation nicht nur zu stoppen, sondem rückgängig zu machen. Die "progressive" Gesellschaftsordnung soll wieder eine auf Konsens über gemeinsame und für alle verbindliche Ziele aufgebaute Sozialordnung sein, so wie dies bei der Horde der Fall war. Dieser Zustand soll durch totales Planen und bewußtes Konstruieren institutioneller Rahmen hergestellt werden. In der Zeit der modernen Technik tendiert der Konstruktivismus jedoch zu einer totalitären Entwicklung.

2. Über den Anwendungsbereich holistischer und schrittweiser Sozialtechnologien (Poppers "piecemeal social technologies")

Aus Hayeks Theorie der Zivilisationsentwicklung folgt, daß holistische, totale Sozialtechnologien (total social planning) erstens, aus epistemologischen Gründen ineffektiv, ja kontraproduktiv sein müssen, und zweitens, daß ihr Wirken und ihre Effekte vom Standpunkt der freien Gesellschaft als unheilvoll zu bewerten sind. Das Musterbeispiel, das Theorie und Korollarium illustriert, ist bekanntlich der Versuch, die Katallaxie durch zentrale Planung zu ersetzen.

Aus Hayeks These, daß wir die spontanten Ordnungen, in denen wir leben, nur äußerst unvollständig verstehen und eigentlich erst in Retrospekt etwas davon begreifen, folgt, daß Eingriffe in spontane Ordnungen, die über immanente Kritik hinausgehen, die Situation verschlimmern müssen - "verschlimmern", vorausgesetzt, daß die Bewertung vom Standpunkt der offenen Gesellschaft aus erfolgt.

Es folgt jedoch m. E. aus Hayeks Position nicht, daß es nicht manchmal rational sein kann, Sozialtechniken, die schrittweise und kontrolliert vorgehen (piecemeal technologies), einzusetzen. Vorraussetzungen dafür sind - und das ist ein Gebot der Rationalität - erstens, daß nur solche Modifikationen vorgenommen werden, bei denen eine laufende Erfolgskontrolle der Ergebnisse (monitoring) gewährleistet ist und zweitens, daß sicher gestellt ist, daß eine Rückkopplung von den Resultaten dieser Erfolgskontrollen zu weiteren Maßnahmen besteht.

Hayek ist hier skeptischer als Popper. Ich meine mit Recht. Denn im öffentlichen Sektor können schrittweise Sozialtechniken überhaupt nur dann erfolgreich sein, wenn die Ergebnisse der betreffenden Maßnahmen tatsächlich feststellbar sind, und das ist nur dann der Fall, wenn die Probleme, die mit ihrer Hilfe gelöst werden sollen, "genügend" begrenzt und klar definiert sind (J. Tumlir). Da das Verhältnis von Regierung und privaten Wirtschaftssubjekten spieltheoretischer Natur ist, werden die Beteiligten aufeinander mit den ihnen zur Verfügung stehenden Strategien reagieren. Der Politiker, der versucht, mittels einer bestimmten Sozialtechnologie ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, wird sich mit unbeabsichtigten Konsequenzen seiner Maßnahmen konfrontiert sehen. Er wird auf diese mit adhoc-Maßnahmen reagieren müssen, und sich so schließlich vor andere Probleme gestellt sehen, als das Problem, zu dessen Lösung er die erste Sozialtechnologie eingesetzt hat. So erhöhen z. B. Steuererhöhungen auch die Alternativkosten für gesetzeskonformes Verhalten, führen zu immer drastischeren (und teureren) Kontrollmaßnahmen (Beispiel Schweden), und auch dazu, daß die Schattenwirtschaft zur Wachstumsindustrie wird. Eine Mieterschutzgesetzgebung kann den Wohnungsmarkt so verändern, daß diejenigen, denen man helfen wollte, am meisten geschädigt werden usf. Staatliche Eingriffe tendieren dazu, die Altemativkosten regel-konformen Verhaltens zu erhöhen. Sie schaden damit der Anerkennung des "abstrakten Moralsystems" in der Alltagspraxis mehr, als sie ihr nützen.

3. Über die Irrtümer des Sozialismus und Konstruktivismus

Gewisse Richtungen innerhalb der Soziobiologie sowie der Sozialismus glauben, daß es nur zwei Quellen sozialer Ordnung gibt: genetisch bedingte Instinkte und bewußtes Konstruieren. Hayek kritisiert scharf, daß sie dabei die wichtigste Quelle, die Evolution spontaner Ordnungen, übersehen bzw. ignorieren. Er kri tisiert einen Fehlschluß, den man "kreationistischen Fehlschluß" nennen könnte: Aus der Tatsache, daß alle Institutionen durch menschliches Handeln geschaffen wurden, wird geschlossen, daß sie durch bewußtes Planen (design) entstanden sind. Daraus wird dann geschlossen, daß es möglich ist, jede Institution durch Konstruieren so zu verändern, daß wir mit ihrer Hilfe mehr von unseren Wünschen realisieren können als das bisher der Fall gewesen ist (der "konstruktivistische Fehlschluß"). Die erkenntnistheoretische Basis des Konstruktivismus ist dabei die begründungsphilosophische Richtung in der Erkennungstheorie.

Die zentrale Wertprämisse des Sozialismus ist der Egalitarismus. "Sozialisten", die sie nicht teilen, meinen mit "Sozialismus" in Wirklichkeit eine Variante des Kapitalismus. Gerechtigkeit im traditionellen Sinn ist ein auf die Vergangenheit bezogener Begriff: suum cuique tribuere (jedem, was er verdient). Dieser Begriff wird ersetzt durch einen auf die Zukunft bezogener Begriff, den Begriff der sogenannten "sozialen Gerechtigkeit", der "gerechten Verteilung", die im Sinne des Egalitarismus interpretiert wird und zur Politik des Prokrustes führt: allen das gleiche. Das Ideal wäre die Eliminierung aller Individualität wie in Marx’ Menschenideal: der "Neue Mensch" als Nur-Gattungswesen.

Sozialisten verstehen nicht (oder sie verstehen es nur zu gut), daß der Begriff der "sozialen Gerechtigkeit" das beste Mittel ist, die marktwirtschaftliche Ordnung und damit eine der Voraussetzungen der offenen Gesellschaft zu zerstören. "Jeder Versuch, die Entlohnung verschiedener Dienstleistungen unserer atavistischen Vorstellung von distributiver Gerechtigkeit anzupassen, muß die effiziente Nutzung des weitverstreuten persönlichen Wissens und Könnens und das, was wir als pluralistische Gesellschaft kennen, zerstören." Dank Hayeks Analyse erkennt man nun, daß der Sozialismus einen Versuch darstellt, zum egalitären Stadium, das für die Lebensform der stammesgemeinschaftlichen Horde kennzeichnend ist, zum Zustand des Wilden, zurückzukehren. Dieses Ziel hofft man dadurch realisieren zu können, daß man in der öffentlich-politischen Sphäre zum Moralsystem der Horde zurückkehrt, zum Regelsystem, das dem Leben in der Kleingruppe angepaßt ist und das unseren "natürlichen Instinkten" entspricht - unseren "natürlichen Instinkten, die die Instinkte des Wilden sind."

Wenn man in der modernen Massengesellschaft versucht, zum Moralsystem der Horde, der Kleingruppe (mit gemeinsamer Zielsetzung, gleichgeschalteter Interpretation der Wirklichkeit usf.), zurückzukehren, dann muß dieser Versuch, insofern er gelingt, zu einem totalitären System führen. Erst die moderne Technik bietet die Kontroll- und Beherrschungstechniken, die es möglich machen, eine Großgesellschaft in ein totalitäres System zu verwandeln. Der totalitäre Staat ist das Ergebnis des erfolgreichen Versuches, die menscbliche Ultra-Sozialität durch Konstruktion zu erreichen. Das Ergebnis ähnelt der Ultra-Sozialität der sozialen Insekten. An Stelle der biologischen Mechanismen (Kastensterilität usf.) treten im totalitären Staat Institutionen (Armee, Geheimpolizei, Gulag usf.). In Bezug auf Aggressivität ist die Parallele zwischen dem totalitären System und der Ultra-Sozialität der sozialen Insekten beeindruckend. Die sozialen Insekten sichern den inneren Frieden durch sterile Kasten und anatomische Spezialisierung. Der totalitäre Staat sichert ihn durch Repression und Propaganda. Die sozialen Insekten zeigen eine absolute Aggressivität gegen jeden potentiellen Rivalen des Nestes. Das totalitäre System zeigt gleichfalls eine totale Aggressivität gegen jeden potentiellen Rivalen und sogar gegen jedermann, der nicht ein fellow traveller oder Sympathisant ist. Da für seine interne Propaganda die Vorstellung eines Feindes unentbehrlich ist, muß er, wenn es keine äußere Bedrohung gibt, eine solche erfinden. Im Inneren wie im Äußeren (in den internationalen Beziehungen) wird die "rule of law", die Macht des Rechts, ersetzt durch das Recht der Macht (M. Kriele).

Die Ultra-Sozialität der sozialen Insekten hat sich als überlebensfähig erwiesen. Das gleiche gilt für totalitäre Systeme. Sie sind überlebensfähig, weil es ihnen gelungen ist, das kulturelle Selektionsprinzip im Inneren wie im Äußeren auszuschalten. Falls ein Wettbewerb zwischen Staaten um Bürger bestünde, hätten die totalitären Staaten keine Überlebenschance. Ausreiseverbote sind für sie eine Überlebensnotwendigkeit. Die Frage der Legitimierung stellt sich bei den sozialen Insekten, wie in der Biologie überhaupt, nicht. Das totalitäre System des realexistierenden Sozialismus bietet zur Rationalisierung seiner Sozialordnung und seiner Ersetzung der Macht des Rechts durch das Recht der Macht die marxistische diesseitige Heilslehre an. Sie verspricht, per impossible, eine Rückkehr zur Wärme der sich kennenden Horde im Kontext der modernen Massengesellschaft.

Dank Hayeks Theorie der Zivilisationsentwicklung kann man - sozusagen als Spillover - auch Sozialismus und Konstruktivismus als das erkennen, was sie sind, nämlich sowohl reaktionär: zurück zum Moralsystem der Horde, als auch ein Ausdruck von Hybris: eine enorme Überschätzung der Möglichkeiten des bewußten Konstruierens von Regeln und institutionellen Rahmen.

 

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